Arbeit in der Kita AWO Pohlstrasse, Tiergarten-Süd; Berlin, 15.01.2020 , © Christian Jungeblodt

Berlin-Schöneberg an einem frühen Nachmittag im Januar. Bei strahlendem Sonnenschein nähern wir uns unserem Ziel: der von der AWO betriebenen Kita Maulwurf. Wir, der Fotograf Christian und ich, treffen die Erzieherin Tanja Joppe, die uns an ihrem Arbeitsalltag teilhaben lässt.

Der Eingang von der Pohlstraße ist unauffällig. Vor uns liegt das Schulgebäude, auf dessen Gelände sich auch die Kita befindet. Erst vom Schulhof aus sieht man, wie weit sich das imposante Gründerzeitgebäude mit Türmchen nach hinten hinaus erstreckt.

Da ist es auch schon 13 Uhr und wir werden von Tanja herzlich empfangen. Es heißt Schuhe ausziehen und wir durchqueren zunächst den sehr geräumigen sogenannten Elementarbereich der Zwei bis Sechsjährigen.

Arbeit in der Kita AWO Pohlstrasse, Tiergarten-Süd; Berlin, 15.01.2020 , © Christian Jungeblodt
Unsere Kita folgt dem Konzept der „offenen Arbeit“

Hier herrscht buntes Treiben, wir werden neugierig beäugt und sogar ein Stück begleitet. Ich verliebe mich gleich in die farbenfroh gestalteten, zum Teil mit Matten ausgelegten Räume zum Spielen und Toben – eine wirklich schöne Atmosphäre! Dann heißt es die Stimme dämpfen. Im Krippen-Bereich, in dem Tanja arbeitet, ist Mittagspause – und viele Kinder halten Mittagsschlaf.

Es kommt mir so ganz anders als vor, als meine – zugegeben eine Weile zurückliegende – eigene Kindergartenzeit. Nach der Begrüßung äußere ich meinen ersten Eindruck.

Tanja Joppe: Schön dass es dir bei uns gefällt. Ich glaube, was dir aufgefallen ist und was möglicherweise anders ist, als du es erlebt hast, ist, dass die Kinder sich bei uns wie in einer Wohnung frei bewegen – nur dass die Räumlichkeiten größer sind. Das liegt an dem Konzept der „offenen Arbeit“, nach dem wir hier in der Einrichtung arbeiten.

Alltag in der Krippe: Strukturen für die Kleinsten schaffen
Germany - Deutschland - BERLIN - Erzieherin Tanja Joppe bei der Arbeit in der Kita AWO Pohlstrasse, Tiergarten-Süd; Berlin, 15.01.2020 , © Christian Jungeblodt

Christiane Lehmann: Interesssant! Ich werde ja sicher während des Gesprächs noch mehr darüber erfahren. Deswegen gleich die Frage: Wie verläuft so ein Tag bei euch? – zum Beispiel dein Tag heute.

Tanja Joppe: Vielleicht muss ich vorausschicken, dass in einer Kita, speziell in der Krippe, die Tage sehr strukturiert sind – auch wenn wir inhaltlich frei arbeiten.

Heute ist mein kurzer Tag. Um 14.30 Uhr bin ich fertig, Ich habe Frühschicht, das heißt, ich habe um 7.00 Uhr angefangen. Meist komme ich ein paar Minuten früher. Ich genieße die letzten Minuten der Ruhe, trinke einen Kaffee und dann sind auch schon die ersten Kinder da. Aber im Vergleich zu später am Tag ist es so früh am Morgen noch relativ ruhig. Ich habe Zeit, das Frühstück zu machen, Tee zu kochen oder andere Vorbereitungen für den Tag zu treffen.

Die meisten Krippen-Kinder werden zwischen 8.30 Uhr und 9.00 Uhr gebracht. Wenn wirklich alle da sind, ist es meist schon mitten am Tag. Frühstück ist um 8:30 Uhr, anschließend allgemeines Zähneputzen. Um 9.45 Uhr haben wir Morgenkreis. Wir sitzen dabei auf dem Boden und besprechen, was wir im Anschluss machen.

Christiane Lehmann: Wie alt sind denn die Kinder, die du im Krippen-Bereich betreust?

Tanja Joppe: Die Jüngsten bei uns sind ein halbes Jahr alt, die Ältesten so um die 2 1/2, bevor sie dann zu den Großen in den Elementarbereich wechseln. Manchmal kommen aber auch ältere Kinder bei uns vorbei und machen mit – die Türen zwischen den Bereichen sind tagsüber – abgesehen von der Ruhezeit nach dem Mittagessen – immer geöffnet und die Kinder können sich aufhalten, wo sie wollen. Die Kleinen können so viel von den Größeren lernen. Auch das ist wieder Teil des Konzepts, nach dem wir arbeiten.

In der offenen Arbeit ist Spontaneität angesagt
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Christiane Lehmann: Ah ja. Was sind das denn für Aktivitäten, die ihr mit den Kindern unternehmt? Ihr habt ja auch einen Bildungsauftrag, nehme ich an …

Tanja Joppe: Die Idee, nach der wir hier arbeiten, geht davon aus, dass die Kinder uns die Themen vorgeben. Deswegen gibt es auch keinen festen Wochenplan. Wir planen höchstens von einem Tag auf den anderen. Was geht, machen wir ganz spontan. Wenn die Kinder zum Beispiel äußern, dass sie Lust haben mit Wasser zu spielen, kann es sein, dass wir für den nächsten Tag „Planschen im Badezimmer“ einplanen. Wenn ein Kind sagt, es möchte im „Atelier“ basteln oder malen, dann öffnen wir – immer vorausgesetzt es sind genügend Kräfte da – das Atelier. Es gibt eigentlich immer genug Kinder, die erst interessiert gucken und dann mitmachen.

Wir haben einen einzigen festen Termin: Montags kommt regelmäßig ein Musiker. Er musiziert mit den Kindern und bringt auch schon mal ungewöhnliche Musikinstrumente mit. Letztlich hat er mit einer Mandoline für große Begeisterung gesorgt.

Eine andere wiederkehrende Aktivität besteht darin, mit allen einkaufen zu gehen. Alles, was wir für unser Frühstück benötigen, besorgen wir selbst. Vorher besprechen wir mit den Kindern, was wir essen wollen. In der Winterzeit kann das schon hart sein, alle Kinder anzuziehen. Hier machen wir es wie bei vielen anderen Aktivitäten auch: Wir gehen in Gruppen. Eine Kraft geht dann vor mit den Kindern, die schon fertig sind.

Angebote schaffen – die Entscheidung liegt beim Kind

Was für alles gilt, was wir tun, und wichtig in der offenen Arbeit ist: Wir machen Angebote. Keiner MUSS an etwas teilnehmen. Das gilt übrigens auch fürs Essen: Niemand wird gezwungen aufzuessen. Und wenn ein Kind zwischen den Mahlzeiten Hunger hat, bekommt es auch etwas.

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Christiane Lehmann: Wow, ihr begegnet schon den ganz kleinen Kindern auf Augenhöhe – ein spannendes Konzept. Gerade kommt mir aber auch der Gedanke: Gerade bei dieser Einkaufs-Aktion müsst ihr viele Kinder anziehen und betreuen, ihnen draußen Sicherheit geben, auf ihre Wünsche achten – und dann sind da noch die ganz Kleinen mit ganz elementaren Bedürfnissen … Irgendwer muss auch dableiben und die betreuen, die nicht mit wollen … Wie viele Erzieher*innen seid ihr denn in einer Schicht auf wie viele Kinder?

Tanja Joppe: Insgesamt sind wir in hier in der Krippe vier pädagogische Fachkräfte und eine Kollegin in Ausbildung, dazu kommt eine „BUFDI“. Sie nimmt am Programm „Bundesfreiwilligendienst“ teil und schnuppert für eine gewisse Zeit bei uns in den sozialen Bereich hinein. Sie ist zur Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte da und übernimmt viele hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Unsere Kollegin in Ausbildung arbeitet ja schon von Beginn an pädagogisch. Sie darf aber noch keine Eingewöhnungen machen und auch z.B. Elterngespräche noch nicht alleine führen. Da ist dann eine ausgelernte Fachkraft dabei.
Zurzeit haben wir 19 Kinder in der Krippe. Es sollen mal insgesamt 40 werden.

Christiane Lehmann: Wenn jemand krank ist oder im Urlaub oder beides, wird das aber ganz schön knapp mit der Personaldecke, zumal mit den kleinen Kindern … Wie geht es weiter bei euch im Tag?

Tanja Joppe: Ein*e Kolleg*in zieht sich gegen 10.45 Uhr raus und bereitet das Mittagessen vor. (Das Essen selbst wird geliefert.) Die Kinder essen dann nacheinander: die Kleinsten gegen elf, die Ein- bis Zweijährigen ab 11.15 Uhr, die Älteren danach. Die Kinder, die schon fertig sind, bereiten dann den Schlafraum vor für alle Kinder.

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Christiane Lehmann: Wirklich? Die Kinder sind doch noch so klein …???

Tanja Joppe (lacht): Ja, doch. Die ab Zweijährigen legen jedem Kind Matte und Bettdecke an seinen Platz. Die wissen schon ganz genau, wer wo schläft. Auch hier gilt wieder: Mitmachen aus eigenem Antrieb, Partizipation ist uns wichtig. Wo immer möglich, geben wir ihnen eine Wahlmöglichkeit – natürlich in einem altersgerechten Rahmen, der sie nicht überfordert. Das ist unsere Aufgabe, diese Situationen herzustellen und sie zu bestärken.

Erziehung zur Selbstständigkeit in der Krippe
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Nach dem Mittagessen geht es staffelweise ins Bad, jedes Kind wird frisch gewindelt. Hier geht es unter anderem darum, das selbstständige Ausziehen zu üben. Manche gehen auch schon alleine zur Toilette, andere gucken es sich vielleicht ab. Wir versuchen immer, mit den Kindern Selbstständigkeit zu üben.

Nächste Station ist der Schlafraum. Wir Erzieher*innen bleiben dabei, bis alle eingeschlafen sind. Auch hier gilt: Wer nicht schlafen will, muss nicht. Wenn alle schlafen, die wollen, bereiten wir bei geöffneter Tür den Nachmittagssnack zu, meist Obst. Es ist immer jemand da, um die Kinder in Empfang zu nehmen, wenn sie nach und nach wach werden.

Nach dem Aufwachen gibt es den Snack. Die Kinder können auch noch mal frei spielen. Idealerweise – je nachdem wie viele Kollegen da sind – kann man noch mal etwas Spezielleres anbieten. Gegen 15 Uhr beginnt schon die Abhol-Zeit. Dann werden nach und nach die ersten Räume zugemacht, bis um 17 Uhr die letzten Kinder abgeholt werden.

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Christiane Lehmann: Ist man in der Spätschicht alleine?

Tanja Joppe: Alleine ist man nie. Bei der Planung denken wir bereichsübergreifend – und das klappt gut. Um 7.00 Uhr bin ich zwar im Krippenbereich die einzige Kraft, vorne bei den Großen ist aber auch schon jemand. Die nächsten kommen ab halb acht im Halbstunden-Takt. Das gleiche Prinzip dann abends, nur umgekehrt. Zwei Kolleg*innen machen dann zu.

Wir haben uns außerdem so aufgeteilt, dass jede*r einmal in der Woche an einem festgelegten Wochentag seinen kurzen Tag hat.

Eingewöhnung in der Kita: ein Kraftakt für die Erzieher*in

Christiane Lehmann: Verstehe. Diese Organisation hört sich plausibel an. Du hast gesagt die Kita wächst? Was bedeutet das für euch Erzieher*innen?

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Tanja Joppe: Dass wir wachsen, ist eine Ausnahmesituation, die einen ganz schön fordert. Weil immer neue Kinder dazukommen, haben wir praktisch das ganze Jahr über Eingewöhnung.

Christiane Lehmann: Für mich, die Laiin: Was bedeutet denn „Eingewöhnung“ im Arbeitsalltag für euch?

Tanja Joppe:
Das Berliner Eingewöhnungsmodell, nach dem wir arbeiten, dauert vier Wochen. Ziel ist es, dass das Kind nach dieser Zeit den normalen Krippenalltag mitmacht. Meine Aufgabe in der ersten Woche besteht darin, eine Bindung zum Kind aufzubauen. Ich bin da ganz auf das eine Kind fixiert.

Es gibt Techniken. Ich finde zum Beispiel heraus: Gibt es ein Lieblingsspielzeug? Oder das Kind sieht, dass ich mit den Eltern rede – auch das schafft Vertrauen. Wichtig ist auch, das erste Mal in der Kita einzuschlafen – eine große Vertrauenssache. Da ist es ganz wichtig, dass du da bist, wenn das Kind aufwacht.

In den ersten drei Tagen der Eingewöhnungszeit kommen die Eltern erst mal nur für eine Stunde mit ihrem Kind und bleiben auch die ganze Zeit dabei. Ab Tag vier gibt es die erste kurze Trennung – vielleicht für 10 bis 15 Minuten, richtig mit Verabschiedung, so dass das Kind merkt, dass das Elternteil geht. Das wird dann immer weiter gesteigert. Wir gucken dann: Wie reagiert das Kind auf die Trennung?

Christiane Lehmann: Wie ist es denn möglich, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, wenn du so eng mit einem Kind beschäftigt bist?

Tanja Joppe: Es erschwert die Arbeit, klar, zumal wenn man den Anspruch hat, alle Kinder, auch die die schon länger da sind, zu fördern. Aber die neuen Kinder sind am Anfang ja auch nicht den ganzen Tag hier. Es hilft auch, dass wir Erzieher*innen alle in unterschiedlichen Phasen der Eingewöhnung sind. Aber tatsächlich, seit ich hier bin, seit einem Jahr, bin ich permanent in Eingewöhnung. Das ist schon anstrengend.

Erzieherin ist mein Traumberuf – mit der Ausbildung hatte ich Glück
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Christiane Lehmann: War es schon immer dein Wunsch, Erzieherin zu werden? Und warum Kita?

Tanja Joppe: Das war für mich tatsächlich immer ganz klar, dass ich diesen Beruf erlernen werde. Ich habe schon als Kind und Teenager gern auf kleinere Kinder aufgepasst. Es stand nie im Raum, etwas anderes zu machen. Ich habe schon das Schulpraktikum in der Kita gemacht. Und im Unterschied zu anderen habe ich dementsprechend die Ausbildung auch auf dem ersten Bildungsweg gemacht.

Christiane Lehmann: Die Ausbildung zur Erzieherin sehen wir aus Gewerkschafts-Sicht teilweise ja kritisch. Wir brauchen ein einheitlich hohes Niveau in der Ausbildung. Die zum Erreichen dieser Kompetenzen notwendigen Lerninhalte müssen an Fach- bzw. Hochschulen sowie in der Praxis vermittelt werden. Das Problem: Während der Ausbildung verdient man die meiste Zeit nichts, vielfach kostet sie sogar. Gut die Hälfte aller Erzieherfachschulen ist privat, dort ist oft Schulgeld zu zahlen. 700 Euro und mehr können das pro Schuljahr sein.

Tanja Joppe: Die Dauer der Ausbildung hat mich auch erst abgeschreckt. Es gab damals ja nur die schulische Ausbildung. Zum Glück bin ich auf einer staatlichen Schule gelandet, auf der man nicht zahlen muss. Ich war sogar in der glücklichen Situation, dass ich BAFÖG bekommen habe. Ich habe mich damals aber auch an Schulen beworben, bei denen ich Schulgeld hätte zahlen müssen. Gut war auch, dass ich im Anerkennungsjahr schon richtig verdient habe. Das ist ja heute auch anders, die meisten bekommen ja nichts. Und es gibt immer noch Azubis, die für ihre Ausbildung zahlen müssen.

Die berufsbegleitende Ausbildung kam erst später – ich bin ja schon zwanzig Jahre im Job. Wie in anderen Lehrberufen auch hat man drei Wochentage Praxis am Ausbildungsort und ist zwei Tage in der Schule.

Der Personalschlüssel für Kitas stimmt nicht
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(Tanja wird energisch) An sich finde ich das Prinzip, das Gelernte sofort umsetzen zu können, super. Aber es gibt einen Haken daran und das ist auch eines der Probleme unseres Berufes: Die Auszubildenden werden an ihren Praxistagen als komplette Kraft auf den Personalschlüssel angerechnet und das geht gar nicht! Ich könnte mir eine Staffelung vorstellen, dass Azubis ab dem zweiten Jahr zu 25 Prozent angerechnet werden, im dritten dann zu 50 Prozent.

Sie dürfen ja ganz viel noch gar nicht machen – wie z.B. die Eingewöhnung oder Elterngespräche. Und im Gegenteil geht ja etwas von meiner Zeit ab. Arbeiten und gleichzeitig anleiten sehe ich als große Schwierigkeit – gerade bei Arbeit mit kleinen Kindern.

In der Theorie haben wir Stunden für Anleitung – aber bei dem permanenten Personalmangel in der Branche kannst du das nicht gewährleisten. Hier bei der AWO Mitte haben wir die luxuriöse Situation, dass es zwei Extra-Stellen gibt, die sogenannte Praxisanleitung, die Auszubildende betreuen. Sie arbeiten über die Einrichtungen hinweg, kommen zu uns in die Kita. Das entlastet uns schon sehr.

„Ich habe mich bewusst für die offene Arbeit entschieden“
Germany - Deutschland - BERLIN - Erzieherin Tanja Joppe bei der Arbeit in der Kita AWO Pohlstrasse, Tiergarten-Süd; Berlin, 15.01.2020 , © Christian Jungeblodt

Christiane Lehmann: Was ist dir an deiner Arbeit besonders wichtig? Worauf legst du besonderen Wert?

Tanja Joppe: Das Wichtigste ist für mich die Bindungsarbeit, dass die Kinder sich wohlfühlen. Ich gebe ihnen die Kuscheleinheiten, die sie brauchen. Das ist für mich die Grundlage dafür, dass sie etwas lernen können. Damit einher geht die Erziehung zur Selbstständigkeit. Wir möchten, dass die Kinder die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren. Dazu gehören Regeln, Grenzen und Strukturen. Dieser Rahmen gibt Orientierung und Sicherheit. Es ist der schmale Grat, einerseits Grenzen zu setzen und in diesem Rahmen dem Autonomiestreben des Kindes Platz zu geben.

Ich habe mich bewusst für die offene Arbeit entschieden. Dieses Konzept ist mir auch im Alltag wichtig. Ich fühle mich wohl, je mehr ich frei gestalten kann – danach habe mir meine letzten Arbeitgeber auch ausgesucht.

„Für die Dokumentation haben wir zu wenig Zeit“
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Christiane Lehmann: Wie ist es in der Sandwich-Position zwischen der täglichen Arbeit mit den Kindern, der Leitung, den Ansprüchen der Eltern und Dokumentationspflichten?

Tanja Joppe: Das ist schon schwierig. Dokumentation wird immer wichtiger und nimmt immer mehr Zeit ein. Das wird einerseits regelseitig gefordert. Und auch Eltern sind – im Unterscheid zu früher – viel mehr daran interessiert, was das Kind erlebt, während sie arbeiten gehen. Heutzutage schreibst du auf, welche Kompetenzen du bei den Kindern gefördert hast, welche Bildungsbereiche du im Blick hattest und welche Entwicklungsschritte ein Kind gemacht hat. Im Idealfall gelingt es dir, Lerngeschichten zu dokumentieren. Anders als in meinen Jobs davor haben wir ein Kita-Handy, um Fotos zu machen. Das hilft schon viel. Zu meinen Aufgaben gehören dann auch die Entwicklungsgespräche mit den Eltern jedes Kindes, das ich betreue, die ein- bis zweimal im Jahr stattfinden. Die große wöchentliche Teamsitzung ab und die Besprechung im Klein-Team gehen außerdem von der Zeit mit den Kinden ab.

Christiane Lehmann: Entschuldige, dass ich darauf herumreite … Ich verstehe immer noch nicht, wann du diese Dokumentationsarbeit machst. Du kommst mit den Kindern und gehst mit ihnen …

Tanja Joppe (lacht): Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht. Eine Stunde in der Woche wird für Dokumentation gerechnet, aber das reicht nicht. Obwohl dieser Teil der Arbeit mehr geworden ist, haben wir nicht mehr Zeit dafür. Und es ist ja auch gut, dass dokumentiert wird: Du kannst alles zu einem Kind nachlesen. Und es wird ja auch erwartet. Es gibt ein Qualitätsmanagement für die Branche und die AWO hat dann auch noch mal ein eigenes Qualitätsmanagement.

Früher habe ich viel in der Freizeit gemacht. Heute versuche ich, nichts mehr mit nach Hause zu nehmen. Die Gewerkschaftsarbeit hat mich da sensibilisiert. Aber viele Kolleg*innen machen es noch. Wir bräuchten viel mehr Zeit für diesen Teil der Arbeit.

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In der perfekten Kita-Welt hätten wir viel mehr Personal und Zeit für die schönen Sachen

Christiane Lehmann: Wie sähe denn dein Arbeitsalltag in einer idealen Welt aus?

Tanja Joppe: Die ideale Situation sieht so aus: Alle Kolleg*innen sind da – alle vier ausgebildeten Fachkräfte in der Krippe plus die Kollegin in Ausbildung – (lacht) ach, in meinem Traum dürfen es mindestens drei Kräfte mehr sein. Auszubildende sind zusätzlich und werden nicht auf den Personalschlüssel angerechnet. Es gibt mehr Zusatzkräfte, die hauswirtschaftliche Sachen übernehmen. Ach, wo ich schon träume: Bei Krankheit gibt es einen trägerweiten Personal-Pool, aus dem man schöpfen kann – ein bisschen wie eine eigene Zeitarbeit des Trägers.

Wenn es nach mir persönlich ginge, bräuchte es auch gar nicht so viel Dokumentation. Aber wenn ich sie schon machen muss, wünsche ich mir das passende Equipment: ein Laptop vor Ort. Jeder hat ein Kita-Handy oder zumindest gibt es ein eigenes Tablet in jedem Raum und die Möglichkeit, von den Bildern richtig schöne Fotoausdrucke zu machen. Das ist auch für die Kinder schön.

Neben mehr Zeit für Azubis und Dokumentation hätte ich vor allem gerne mehr Zeit für die schönen Dinge – Zeit, um zu Ende zu spielen, das fehlt mir ein bisschen. Lieder singen, tanzen, Fingerspiele – das mache ich gerne. Das sind richtige Eisbrecher; gerade schüchterne Kinder, die mehr Zeit brauchen, kannst du damit kriegen. Kreativ zu sein mit den Kindern: freies Gestalten, Basteln – aber ohne irgendwelche Schablonen. Überhaupt: mit dabei zu sein, wie die Kinder sich entwickeln …

„Es gibt viel zu wenige Erzieher*innen – das hat Konsequenzen …“
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Christiane Lehmann: Du bist ja schon ein paar Jahre im Job – deswegen die Frage: Hat sich die Arbeit über die Jahre verändert? Was sind die Herausforderungen heutzutage?

Tanja Joppe: Es gibt immer weniger Erzieher, deswegen können viele Kitas nicht mehr ausgelastet werden, obwohl sie eine Betriebserlaubnis für mehr Kinder haben. Und das liegt natürlich vor allem an der Bezahlung, aber auch an den Bedingungen am Arbeitsplatz. Die Anforderungen an die Erzieher*innen steigen, der Verdienst aber nicht. – Das passt nicht zusammen.

In Berlin gibt es zu 80 Prozent freie Träger, die in der Regel weit unterhalb des Tarifs des öffentlichen Dienstes zahlen; viele verdienen dort nur 70 oder 80 Prozent dessen, was Erzieher*innen bekommen, die beim Land Berlin angestellt sind. Wir bei der AWO hier haben einen eigenen Tarifvertrag über ver.di ausgehandelt, der nah am TVL liegt. Für mich ist klar, dass ich auch nur noch für Träger arbeiten möchte, die einen Tarifvertrag haben.

Und klar, der Fachkräftemangel führt zur Überlastung unter uns Erzieher*innen. In meiner letzten Kita war das eklatant. Spätestens wenn ich merke, dass ich nicht mehr gewährleisten kann, dass den Kindern nichts passiert, muss ich die Gefährdungsanzeige schreiben. Wir mussten sogar schließen, weil so viel Personal krank war. Es gab Zeiten, da sind wir richtig auf dem Zahnfleisch gegangen, haben jeden Tag Überstunden gemacht. Man will ja trotzdem sein Bestes geben. Die Kinder sind ja da und können nichts dafür. Egal wie viele von uns da sind.

Wenn es gar nicht mehr ging, haben wir uns mit Zeitarbeit über Wasser gehalten. Das ist total teuer für den Träger, weil die Erzieher*innen in Zeitarbeit einen viel höheren Stundenlohn haben. Weil sie nicht in die Abläufe eingebunden sind, können sie sich zwar die ganze Zeit mit den Kindern beschäftigen, aber letztendlich kennen sie unsere Konzepte gar nicht. Die Qualität der Erziehung kann so dauerhaft nicht gewährleistet werden. Letztens hat mir übrigens jemand erzählt, die Zeitarbeitsfirmen wären mittlerweile auch abgegrast.

Germany - Deutschland - BERLIN - Erzieherin Tanja Joppe bei der Arbeit in der Kita AWO Pohlstrasse, Tiergarten-Süd; Berlin, 15.01.2020 , © Christian Jungeblodt

Als ich anfing, war das anders. Damals gab es noch nicht so viele freie Stellen, das hat sich ungefähr vor zehn Jahren total verändert. Alles hat Vor- und Nachteile. Damals waren Teams stabiler. Heute haben Menschen, die kommen, eine andere Einstellung. Sie wollen mehr als einen Beruf, sie wollen sich selbst verwirklichen, wollen sich beständig verändern.

Mit dem Arbeitgeber zur Demo für bessere Arbeitsbedingungen

Christiane Lehmann: Wie steht denn dein Arbeitgeber dazu?

Tanja Joppe: Was diese Forderungen zu Arbeitsbedingungen angeht, sind wir uns mit unserem Arbeitgeber in vielen Fragen einig. Bei der Demo im letzten Dezember hat auch der Arbeitgeber mit demonstriert und die AWO-Spitzen und die Tarifkommission haben gemeinsam Forderungen beim Senat vorgelegt. Das heißt nicht, dass ich im Zweifelfall nicht auch bei einem guten Arbeitgeber für ein gutes und angemessenes Gehalt kämpfe. (lacht) Aber insgesamt bin ich schon ganz zufrieden. Das kannte ich so vorher nicht.

Christiane Lehmann: Glaubst du, dass sich etwas ändern wird? Aufgrund des Fachkräftemangels sind die Angestellten doch in einer besseren Position als früher …

Tanja Joppe: Viele Kolleg*innen wehren sich zu wenig. Wir haben Probleme, Leute zu aktivieren. Bei uns sind viele in ver.di, aber zu wenige sind aktiv. Ich verstehe es nicht, weil man anders als früher nicht um seinen Job bangen muss. Ich selbst habe überhaupt keine Angst. Fachpersonal wird händeringend gesucht.

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Christiane Lehmann: Kannst du dir vorstellen, noch mal etwas anderes zu machen?

Tanja Joppe: Man entwickelt sich natürlich. Gerade ist mir die Gewerkschaftsarbeit wichtig. Ich habe mich entschlossen, ein paar Stunden zu reduzieren, um da mehr machen zu können. Perspektivisch kann ich mir schon vorstellen, mich zu verändern. Evaluation von Kitas wäre ein Gebiet, das mich sehr interessiert. Aber das ist wirklich etwas für die Zukunft – im Moment macht mir die Arbeit mit den Kindern immer noch großen Spaß. (lacht und schwärmt) Wir haben gerade so tolle Kinder hier! Es ist das Schönste, ein Kind in dessen ersten Lebensjahren zu begleiten!

Christiane Lehmann: Liebe Tanja, vielen Dank für das Gespräch und dass du dir Zeit für uns genommen hast.


Alle Bilder in diesem Porträt sind von Christian Jungeblodt.

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