ver.di: Hallo Mareike*, wer bist du und was machst du?  

Mareike: Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin, 34 Jahre alt und arbeite seit vier Jahren in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Seit zwei Jahren als stellvertretende Gruppenleitung. Berufsbegleitend studiere ich im 5. Semester Soziale Arbeit. 

ver.di: Wie sah ein typischer Arbeitstag vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie aus?

Mareike: In unserer Wohngruppe betreuen wir zehn Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren. 365 Tage im Jahr, 24/7, sind wir für unsere Kids da. Egal ob Wochenende oder Feiertage: Wir schließen nie. Entweder mache ich Nachtdienste und bin bin von 12 Uhr mittags bis 9 Uhr morgens am Folgetag auf der Arbeit oder ich arbeite im Tagdienst von 12 bis 20 Uhr. Unsere Gruppenleitung deckt die Zeit von 8 bis 16 Uhr von Montag bis Freitag ab.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kennt keine Stoppuhr

Garantierte Arbeitszeiten gibt es bei uns aber nicht. In Krisensituationen (Kinder müssen ins Krankenhaus oder die Psychiatrie, sind abgängig oder haben heftige Impulsdurchbrüche usw) verlängert sich der Arbeitstag spontan oder man muss auch nach Feierabend nochmal in die Einrichtung kommen. Natürlich kommt es oft zu schwierigen Situationen, wenn Kolleg*innen ausfallen. So kommt es vor, dass wir auch mal 48 Stunden in der Einrichtung verbringen, weil keine Ablöse möglich ist. 

Unser Arbeitstag besteht aus dem Begleiten der Mahlzeiten, Hausaufgaben und Terminen. Die meisten unserer Kids sind in therapeutischer Behandlung, einige dürfen ihre Herkunftsfamilie nur in Begleitung durch uns besuchen und zwei Mal im Jahr soll jedes Kind ein Hilfeplangespräch (Treffen mit Eltern/Vormund, zuständiger Sozialarbeiter*in und uns als Einrichtung) haben, in dem der bisherige und weitere Verlauf der Erziehungshilfe geplant wird. Wir begleiten also den Alltag: egal ob Arzttermine, Bekleidungseinkauf, Streitereien oder Liebeskummer – wir sind die Bezugspersonen für unsere Kids. So ist unser Alltag sehr abwechslungsreich und herausfordernd. Während ein Kind gerade Trost braucht, zerlegt ein anderes aus Wut gerade die Einrichtung und die nächsten schlagen sich erst gegenseitig und dann evtl. uns, wenn wir eingreifen.

Außerdem gehören natürlich auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten dazu: Einkaufen und kochen, Bewältigung der Wäscheberge, tägliches Putzen der gesamten Einrichtung. Dabei werden wir teilweise von einer Hauswirtschaftskraft unterstützt. 

Mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen: Kinder- & Jugendhilfe muss aufgewertet werden

ver.di: Welche Probleme gab es auch schon vor Beginn der Pandemie? 

Mareike: Oft sind wir unterbesetzt. Es gibt eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter und neue Kolleg*innen sind schwer zu finden. Das liegt nicht nur an unseren Arbeitszeiten, sondern oft auch an der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen: Immer mehr Kinder werden in Regelwohngruppen untergebracht, die eigentlich eine intensivere Betreuung benötigen würden. 

Als der Film „Systemsprenger„erschien, der die Geschichte eines Mädchens zwischen  Leidensweg zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und erfolglosen Teilnahmen an Anti-Aggressions-Trainings erzählt, konnten viele meiner Freunde z.B. nicht glauben, dass wir für gewöhnlich 1 bis 2 sogenannte Systemsprenger in der Gruppe haben und trotzdem 24 Stunden alleine bewältigen. Da bleibt die Pädagogik natürlich auf der Strecke und man ist froh, wenn am Ende keiner verletzt wurde und die Einrichtung noch steht.

Kinder- und Jugendhilfe: der erste Lockdown war entspannt …

ver.di: Was hat sich mit dem ersten Lockdown in deinem Arbeitsalltag geändert? 

Mareike: Im ersten Lockdown hat sich erst mal gar nicht so viel verändert. Die Dienstzeiten haben sich verlängert, damit nach Möglichkeit zwei Fachkräfte für das Homeschooling zur Verfügung stehen. Im ersten Lockdown gab es aber kaum Homeschooling, für das Endgeräte nötig gewesen wären. Einige unserer Kids bekamen Aufgaben von der Schule per Mail, bei anderen konnten die Aufgaben wöchentlich in der Schule abgeholt und dort auch wieder abgegeben werden. Dadurch, dass Schule bei uns eigentlich immer ein großer Stressfaktor ist (viele unserer Kids haben Lernbehinderungen, sind auffällig im Sozialverhalten oder sind notorische Schulverweigerer), war die Stimmung eigentlich sehr entspannt. 

ver.di: Dann war es im Sommer auch eher „normal“?

Mareike: Es war überraschend angenehm. Wir waren viel im Freibad. Unsere Einrichtung verfügt außerdem über einen großen Garten. Wir haben einige hundert Euro in Outdoor-Spielzeuge investiert und haben auch Ausflüge, zum Beispiel in den Wald, unternommen. Oft haben andere Spaziergänger die Polizei verständigt und wir mussten den Beamten dann erklären, dass wir als ein Haushalt gelten. 

Das Jugendamt hat uns im Lockdown 2 beim Homeschooling allein gelassen

ver.di: Was war denn dann anders im zweiten Lockdown?

Mareike: Vor allem die Schule wurde zum Stressfaktor. Unsere zehn Kids besuchen alle eine andere Klasse, gehen auf fünf verschiedene Schulen in drei verschiedenen Städten. Dementsprechend viele unterschiedliche Plattformen und Anforderungen ans Homeschooling sollen / müssen wir bedienen. Dass keins unserer Kids einen Laptop besitzt, nicht mal jedes ein Handy, wird dabei ignoriert. Tägliche bekommen wir wütende Anrufe von Lehrern und es ist sehr ermüdend und zeitintensiv zu erklären, dass wir wirklich keinen Cent mehr von den Jugendämtern bekommen seit Corona, um Masken, Endgeräte oder einen höheren Betreuungsbedarf zu finanzieren.

Wir werden mit dieser Herausforderung allein gelassen und unsere Kids haben wieder einen Bildungsnachteil. Viele von ihnen sind genervt von den Aufgaben, verstehen neue Unterrichtsinhalte nicht und haben noch kein Verständnis dafür, dass die Betreuer im Dienst sich gleichzeitig um die Fragen von neun anderen kümmern müssen und daher Wartezeiten entstehen. 

Arbeitsschutz wegen Corona? – Nicht, wenn du in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitest!

ver.di: Gab es Infektionen in deiner Einrichtung und was wird an Arbeitsschutz geleistet??

Mareike: In meiner Einrichtung gab es (noch) keine Infektionen, in anderen Einrichtungen des Trägers aber schon. Was Arbeitsschutz angeht, bin ich ziemlich enttäuscht. Man hat im Prinzip NICHTS für uns getan. Masken können wir bei unserer Arbeit sowieso nicht tragen, die Kids erst recht nicht. Niemand trägt zuhause Maske! Auch Tragepausen könnten bei uns nicht umgesetzt werden.

Da auch bei einem positiven Fall die Betreuung weiter aufrecht erhalten werden muss, müssen wir uns in Arbeitsquarantäne begeben: dürfen uns also zuhause und auf der Arbeit aufhalten, aber nicht mehr einkaufen gehen oder das Auto tanken.

Wünschenswert wäre, wenn erkrankte Kinder außerhalb der Einrichtung in Quarantäne könnten, um die anderen Bewohner und Kollegen nicht anzustecken, falls nicht bereits geschehen.

Aktuell scheint es so, als wären wir nicht von der geänderten Impfpriorisierung betroffen, sondern nur die Kollege*innen in den Kitas. Dabei können diese im Notfall geschlossen werden, unsere Einrichtung nicht. Auch kostenlose Corona-Tests gab es für uns bisher nicht.

Dass die Schulen wieder öffnen sollen, bereitet uns große Sorgen, gerade angesichts der noch ansteckenderen Mutanten. Es würde meiner Meinung nach Sinn machen, dass unsere Kids erst wieder in die Schulen gehen, wenn wir geimpft worden sind, um das Risiko für alle Beteiligten zu verringern.

(UPDATE: Es ging jetzt alles plötzlich sehr schnell und ca. die Hälfte der Kolleg*innen, auch ich, wurde letzte Woche geimpft. Der Rest sollte eigentlich diese und nächste Woche folgen – je nachdem, wie die Einschätzung der Europäischen Arzneimittel-Agentur ausfällt.)

Ich wünsche mir bessere Arbeitsbedingungen und bessere Löhne

ver.di: Was müsste deine Meinung nach verändert werden, damit ihr – über die Pandemie hinaus – die Arbeit so gut wie möglich verrichten könntet?

Mareike: Es ist in der Kinder- und wie leider in allen sozialen Bereichen: bessere Bezahlung, höherer Stellenschlüssel, bessere Ausstattung. Auch mehr Bewusstsein für unsere Arbeit wäre schön. Ich möchte nicht in Konkurrenz zu meinen Kolleg*innen in Kitas treten, aber es nervt einfach, dass Erzieher*innen für die Öffentlichkeit automatisch und ausschließlich in Kitas arbeiten. So fallen wir auch in der Pandemie gefühlt immer hinten runter. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr meiner Kolleg*innen in der stationären Jugendhilfe gewerkschaftlich organisieren: Die Unzufriedenheit ist sehr hoch – die Unwissenheit leider auch. Da die meisten Träger privat sind sehen viele keinen Sinn darin, einer Gewerkschaft beizutreten. 

ver.di: Vielen Dank, Mareike, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!

*Name wurde von der Redaktion geändert

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