sebastian gerhards - ver.di-tarifbotschafter in den tarifverhandlungen im öffentlichen dienst 2020

Christiane Lehmann: Hallo Sebastian, du hast dich entschieden, in den Tarifverhandlungen 2020 für den öffentlichen Dienst ver.di-Tarifbotschafter in deiner Amtsstelle zu werden. Wer bist du und was machst du beruflich?

Sebastian Gerhards: Ich bin Sebastian Gerhards, 39 Jahre alt und gelernter Landschaftsgärtner, heute arbeite ich als Landschaftsarchitekt bei der Unteren Naturschutzbehörde, Fischerei und Jagd im Hochsauerlandkreis.

Christiane Lehmann: Was machst du da genau? 

Sebastian Gerhards: Ich betreue verschiedene Schutzgebiete wie Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete. Auch die Durchsetzung der sogenannten „Eingriffs-Ausgleich-Regelung“ fällt in meinen Arbeitsbereich. Diese Regelung soll dafür sorgen, dass sich ein Gebiet durch Baumaßnahmen nicht verschlechtert. Wir betreuen auch Landwirte im Rahmen des Vertragsnaturschutzes und organisieren gemeinsam die Bewirtschaftung, die Beweidung oder die Mahd, um die schutzwürdigen Flächen optimal zu fördern.

Krebseretten als Landwirtschaftsarchitekt im öffentlichen Dienst

Christiane Lehmann: Was machst du konkret? Und wie sieht ein Tag bei dir aus? Bist du auch draußen unterwegs, in den Gebieten, die du betreust? 

Sebastian Gerhards: Wenn ich mich zum Beispiel um die Bewirtschaftung von Heideflächen kümmere, gehört dazu konkret, die Schäfer zu organisieren. Und ja: Ich bin natürlich auch draußen unterwegs, zum Beispiel wenn ich Baumaßnahmen überprüfe, ob da die behördlichen Auflagen eingehalten werden. Eigentlich ist angedacht, zwei Drittel im Büro und zu einem Drittel draußen unterwegs zu sein. Im Moment ist es so, dass ich leider nur sehr selten rauskomme. Heute Nachmittag habe ich aber zum Beispiel einen Außentermin. Ich werde Reusen stellen, um eine heimische Krebsart umzusiedeln, die von einer invasiven Krebsart aus dem amerikanischen Raum bedroht ist.

sebastian gerhards, landschaftsarchitekt im öffentlichen dienst und ver.di-tarifbotschafter, beim krebseretten
„In der Gewerkschaft zu sein liegt bei mir in der Familie“

Christiane Lehmann: Ich muss sagen, dein Aufgabengebiet klingt viel spannender, als ich zunächst gedacht hatte. Jetzt kennen wir also schon mal im Groben dein Betätigungsfeld. Aber wie bist du zu ver.di gekommen?

Sebastian Gerhards: Ich bin schon immer Mitglied in einer Gewerkschaft, seit meiner Lehre zum Landschaftsgärtner – damals allerdings noch in der IG Bau. Nach dem Studium und dem Wechsel in den öffentlichen Dienst, bin ich in ver.di eingetreten. Ich komme aus einer Eisenbahner-Familie, da war es selbstverständlich, in der Gewerkschaft zu sein. Allerdings war ich nie aktives Mitglied.

Ich bin sogar mal kurz ausgetreten, muss ich zugeben (lacht): Ich hatte da gerade den Job gewechselt, eine Familie zu ernähren und war dabei, das Haus zu sanieren, da zählte jeder Pfennig. Ich fühlte mich mit der Entscheidung aber sehr unwohl und hab mir damals geschworen: Sobald die erste Gehaltserhöhung kommt, trittst du wieder ein! Die kam unerwarteterweise nach ein paar Monaten im neuen Job und das Erste war, dass ich wieder ver.di-Mitglied geworden bin.

Ich habe aber auch ganz konkret positive Erfahrungen mit ver.di gemacht. Als mir und meinen Kolleg*innen unrechtmäßig eine Beförderung vorenthalten wurde, hat mir mein Vertrauensmann und Personalrat Rudi in Zusammenarbeit mit unserem lokalen Gewerkschaftssekretär Dirk im Kampf mit dem ehemaligen Arbeitgeber sehr geholfen. Das hat mir extrem den Rücken gestärkt. Ich habe die Beförderung zwar trotzdem nicht gekriegt (lacht), aber das hat ihren Einsatz nicht geschmälert. Übrigens ist Dirk jetzt auch mein zuständiger Gewerkschaftssekretär für meine Rolle als Tarifbotschafter.

sebastian gerhards, landschaftsarchitekt im öffentlichen dienst und ver.di-tarifbotschafter, beim krebseretten
Vom „zahlenden Mitglied“ zum aktiven Gewerkschafter

Christiane Lehmann: Das ist wahrscheinlich einer der kürzesten Intervalle zwischen Aus- und Eintritt in der Geschichte von ver.di. Wie bist du dann vom – ich sage mal – „zahlenden Mitglied“ zum aktiven Gewerkschafter geworden?

Sebastian Gerhards: Das hat sich bei den letzten Personalratswahlen so ergeben. Als ich sah, wer sich da wählen lässt, war ich enttäuscht. Ich dachte: „Vielleicht kannst du dich da auch mal einbringen und versuchen es besser zu machen!“ und habe mich selbst aufstellen lassen. Ich bin da ganz naiv drangegangen. Ich habe viel zu spät meinen Gewerkschaftssekretär angerufen, der mir sagte, ich hätte eine ver.di-Liste aufmachen sollen. Ich bin dann auch nicht in den Personalrat gekommen.

Im Nachhinein finde ich das aber ganz okay. Ich glaube, dass mir die Arbeit in den Gremien nicht so liegt. Die Rolle des Vertrauensmannes, der ich allerdings noch nicht bin, finde ich interessanter.

ver.di-Tarifbotschafter: Langzeitprojekt in einem anspruchsvollen Umfeld

Christiane Lehmann: Ist dein Umfeld gewerkschaftsfreundlich? Und wie fühlt es sich an, dort für die Gewerkschaft zu werben?

Sebastian Gerhards: Mein Umfeld ist nicht gerade günstig. Ich bin der einzig ver.di-Aktive unter zwanzig Leuten in meiner Abteilung. Insgesamt sind wir ca. 1.300 Kollegen*innen und es gibt ungefähr einhundert Mitglieder. Aber das hat mich erst mal nicht abgeschreckt.

Christiane Lehmann: Ist es nicht schwierig, unter solchen Umständen Menschen zum Mitmachen zu bewegen?

Sebastian Gerhards: Ja schon, ich bin allein auf weiter Flur und beackere sozusagen ein unbestelltes Feld. Ich höre auf mein Bauchgefühl, wen ich anspreche, nach dem Motto: „Wo könnte ich mir vorstellen, dass er oder sie vom Typ her bereit wäre, sich einzubringen?“. Allerdings gebe ich zu, dass es im Moment etwas schleppend läuft, die Leute zu aktivieren. Es ist wohl doch eher ein Langzeitprojekt, wenn man so bei Null anfängt.

Christiane Lehmann: Woran kann das liegen?

Sebastian Gerhards: Ich denke, zum einen liegt es daran, dass wir keine gewachsenen Strukturen haben. Das zweite: Wir verdienen ganz gut. Der Druck ist nicht so groß wie bei Leuten in anderen Bereichen. Es wird vielleicht auch nicht darüber nachgedacht, wo das Erreichte herkommt. Die nehmen das als gegeben hin. Manche meckern auch, dass in der letzten Gehaltsrunde zu wenig rausgeholt wurde … Bei anderen herrscht so ein diffuses Misstrauen gegenüber Gewerkschaft … Trotzdem denke ich mir: Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich bin da zäh …

Was bei uns aber sicherlich auch eine Rolle spielt: Der Arbeitgeber bemüht sich, uns gute Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Zwei Beispiele: Bei uns werden auch die Anträge für Windräder / Windkraft gestellt und verarbeitet. Weil alle Windkraft wollen, sind wir darin untergegangen. Es wurden die neuen Stellen bereits beantragt und freigegeben. Und in der Corona-Pandemie wurden wir sofort mit Telearbeitsplatzplätzen ausgestattet und konnten Home Office machen.

„Mehr Freizeit“ lockt die Kolleg*innen dann doch aus der Reserve
sebastian gerhards, landschaftsarchitekt im öffentlichen dienst und ver.di tarifbotschafter

Christiane Lehmann: Die Forderung nach mehr Gehalt ist bei euch also keine Überlebensfrage. Gibt es andere Aspekte, in diesen Verhandlungen, an denen die Kollegen und Kolleg*innen besonders interessiert sind?

Sebastian Gerhards: Ja, mehr Freizeit – das zieht bei den Leuten und mal ehrlich, die hätten wir doch alle gern. In die Richtung kommen auch Nachfragen. Wenn sie dann so nebenbei von der Seite anfragen, um Informationen abzugreifen: „Und – wie laufen die Verhandlungen?“, antworte ich immer: Werd‘ Mitglied, dann musst du mich nicht fragen, sondern erfährst es selbst!“

ver.di: Du bist im Home Office: Das macht die Sache, Kolleg*innen für die Gewerkschaft zu gewinnen, vielleicht noch mal schwieriger, stelle ich mir vor …

Sebastian Gerhards: Ja und nein, ich bin ja auch oft vor Ort. Ich wechsle mich seit Corona mit der Kollegin ab, mit der ich das Büro teile – diese eine Kollegin sehe ich allerdings tatsächlich so gut wie nie.

Meine Gewerkschaftssekretäre sind immer da, wenn ich sie brauche

ver.di: Und dann auch noch mal die obligatorische Frage: Fühlst du dich durch ver.di gut unterstützt? Und woher bekommst du die nötigen Informationen?

Sebastian Gerhards: Ich werde ganz gut versorgt. Ich weiß, dass es die Videokonferenzen gibt, aber daran habe ich bis jetzt noch nie teilgenommen, es mangelt da an der Hardware. Ansonsten gibt es viele verschiedene Kanäle, um an die Informationen zu kommen: Email, Newsletter oder den telegram-Kanal. Aber das Wichtigste: Wenn ich Fragen habe, rufe ich Rudi oder Dirk an, die helfen gerne. Ich kann mich nicht beschweren.

Christiane Lehmann: Ich bin gespannt, wie es dir in den nächsten Wochen ergeht, ob du deine Kollegen & Kolleginnen doch für Gewerkschaft begeistern kannst. Ich wünsche dir auf jeden Fall eine hohe Frustrationstoleranz und einen langen Atem. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast für das Gespräch!

Du möchtest auch als Tarifbotschafter*in in der laufenden Tarifrunde im öffentlichen Dienst aktiv werden? Du möchtest mehr über die Tarifrunde öD erfahren? Mehr über unsere Aktivitäten im Fachbereich Kommunen.

Hier geht es zum Interview mit Tarifbotschafterin Vanessa Gropp.

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