Arbeitsalltag in einer Agentur.
Das Foto zeigt weder Gabriel noch die Agentur, in der er tätig war.

Das Interview führte Petra Welzel

Gabriel hat einen Betriebsrat in einer Digitalagentur gegründet und hätte damit auch scheitern können. Er wurde angefeindet, kaltgestellt, mit Kündigungen bedroht. Ein Gespräch über die Mühen einer Betriebsratsgründung, was man dazu wissen muss, und warum Betriebsratsarbeit dennoch Spaß machen kann.

ver.di: Gabriel, du hast vor ein paar Jahren in einer Digitalagentur einen Betriebsrat gegründet – gegen massive Widerstände. Gibt es euren Betriebsrat noch?

Gabriel: Der Betriebsrat wurde in einem Unternehmen gegründet, das es heute nicht mehr gibt. Die Agentur war Teil eines Konzerns – und der Konzern hat später entschieden, dieses Unternehmen aufzulösen. Dann gab es eine Verschmelzung, für den Betrieb einen Übergang. Auf diesen Weg hat sich auch der Betriebsrat begeben, er ist mitgewandert in diesen neuen Betrieb und wir haben unsere Arbeit im Rahmen eines Übergangsmandats fortgesetzt.

Im Frühjahr wurde neu gewählt, ich bin nach wie vor Betriebsratsvorsitzender. Es hat sich also in der Hinsicht nicht viel verändert. Aber es sind viele neue Kolleg*innen dazu gekommen, weil der Betrieb jetzt ein anderer ist. Von den Kolleg*innen, die damals im Betrieb waren, in dem wir den Betriebsrat gegründet haben, sind nicht viele übrig geblieben. Es sind heute noch 40, zu Hochzeiten waren es 195 Beschäftigte. Der neue Betrieb hat 150 Beschäftigte.

An der Betriebsratsrolle wachsen

ver.di: Du bist stark angefeindet worden, hattest zeitweise Zugangsverbot zu deinem Büro, man wollte dich loswerden. Wie geht man damit um, ohne sich zermürben zu lassen?

Gabriel: Ganz wichtig ist, diese Anfeindungen, Konfrontationen und alles was daraus folgt, nicht persönlich zu nehmen. Ich habe versucht, das so gut es geht von mir fernzuhalten, sonst wäre die Belastung sehr viel stärker gewesen. Und ich habe angefangen, Betriebsratsarbeit als eine Rolle zu verstehen. Ich bin kein Typ, der auf Konflikte aus ist, ich mag meine Komfortzone.

Die Betriebsratsarbeit führt mich aber immer wieder aus dieser Komfortzone heraus. Daran gewöhnt man sich, daran wächst man auch, und das macht mir Spaß. Aber es ist eben auch etwas, das man nicht so leicht abstreifen kann, besonders, wenn man aufgrund unterschiedlicher Auffassungen mit der Arbeitgeberseite aneinandergerät. Da gab es vor allem in der Anfangszeit einige Fälle, wo das sehr unangenehm war.

Die Betriebsratsarbeit hielt mich in der Agentur …

Unser ABC zum Betriebsrat

ver.di: Als was hast du seinerzeit eigentlich bei der Agentur gearbeitet?

Gabriel: Ich habe als Redakteur angefangen. Dann bin ich ins Lektorat gewechselt.

Meine Aufgabe in der Agentur bestand darin, suchmaschinenoptimierte Texte zu produzieren, Fließbandarbeit. Es ging darum, die Webseiten unserer Kund*innen über Google besser sichtbar zu machen. Das war eine Arbeit, von der ich anfangs dachte, maximal zwei Jahre und dann muss ich was anderes tun. Doch dann ist mir der Betriebsrat dazwischengekommen.

Irgendwann, als es gut gelaufen ist, habe ich die Geschäftsführung gefragt: Was haltet ihr davon, wenn ich euch bei euren Pflichten, was den Arbeitsschutz, Datenschutz betrifft, unterstütze, meine Kenntnisse einbringe? – Das war ein kurzer Zeitraum, in dem ich im Grunde als freigestellter Betriebsrat agieren konnte.

ver.di: Was hast du ursprünglich gelernt?

Gabriel: Ich bin studierter europäischer Ethnologe, da ist der Weg im Prinzip vorgezeichnet, entweder man bleibt an der Uni oder man versucht es bei Kulturinstitutionen. Da ist die Konkurrenz in Berlin aber sehr groß. Um einen Berufseinstieg zu schaffen, bin ich in der Agentur gelandet, weil ich nach meinem Studium für bestimmte Portale im Netz Texte geschrieben habe.

Betriebsratsgründung: Allein gegen die Geschäftsführung

ver.di: Du hast einen sehr langen, teils sehr persönlichen Bericht über die Betriebsratsgründung in der Agentur geschrieben. Auffällig ist, dass die Geschäftsführung allein gegen dich geschossen hat, aber nicht gegen die anderen Betriebsratsmitglieder. Hast du dafür eine Erklärung, warum sie ausgerechnet dich loswerden wollten?

Gabriel: Das lasse ich offen in meinem Bericht, weil ich dazu keine Stellungnahme bekommen habe von der damaligen Geschäftsführung. Ich kann nur vermuten, dass es damit zusammenhing, dass ich ein bisschen das Gesicht der Betriebsratsgründung war. Ich war an vorderster Front und habe mich auch den kritischen Fragen gestellt und Forderungen formuliert. Ich habe zudem deutlich mehr Betriebsratsarbeit gemacht als die anderen Mitglieder, weil ich mich auf dieses Amt gefreut und mit ihm sofort identifiziert habe.

Die anderen haben noch ihre Rolle gesucht, und das ist der Geschäftsführung aufgefallen, dass es da jemanden gibt, der sich deutlich mehr Zeit nimmt, sich nicht mehr in dem Umfang seiner eigentlichen Tätigkeit widmet. Dann haben sie mich möglicherweise als denjenigen identifiziert, den sie loswerden müssen, damit die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat möglichst geräuschlos verläuft. 

ver.di: Was hat das mit dir gemacht?

Gabriel: Da waren Erfahrungen dabei, die schmerzhaft waren, wenn ich an die Zeit denke, wo es wirklich sehr konfrontativ war, wo es auch darum ging, mich aus der Agentur rauszubekommen, wo ich mit externen Anwälten meines Arbeitgebers zu tun hatte, die schlecht über mich geredet haben. Das tat weh. Es war im Grunde genommen eine therapeutische Erfahrung, den Bericht runterzuschreiben und damit auf diese Weise abzuschließen.

Deswegen ist der Bericht auch so lang geworden. Bis heute hilft mir ungemein, mich nicht allzu sehr zu empören. Man kann sich als Betriebsrat viel über die Gegenseite empören, über mangelnden Willen zur Veränderung, Dinge zu erkennen, die ein Umdenken erfordern. Oder über missachtete Mitbestimmungsrechte. Es gibt viele Gründe, sich zu empören, aber ich kann es mittlerweile ganz gut, auf eine lösungsorientierte Ebene zurückzukommen. Das hat alles dazu beigetragen, dass ich mich heute in meiner Position sehr wohl fühle. Es war wichtig, diesen Weg zu gehen, um das Ganze wertschätzen und richtig einordnen zu können.

Neustart mit neuer Geschäftsleitung

ver.di: Wirklich loslegen konntet ihr erst, als die Geschäftsführung wechselte und die neue auf dich zugegangen ist. Bis dahin sind fast zwei Jahre vergangen. Konntet ihr dann so richtig durchstarten?

Gabriel: Die ersten Erfolge schildere ich ja in meinem Bericht mit einem neuen Arbeitszeitmodell, Möglichkeiten, mobil zu arbeiten. Das war der Anfang, wo wir zum ersten Mal Betriebsvereinbarungen abgeschlossen haben, wo unsere Arbeit für die Mitarbeitenden deutlich sichtbar geworden ist. Damals waren wir im Gremium fast euphorisch, wir haben weiteres umgesetzt, wir hatten eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem neuen Geschäftsführer gefunden, es gab einen regelmäßigen Austausch, eine konstruktive vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir haben erstmals eine Entgeltstruktur aufgestellt, das war ein großes Projekt, das über einen längeren Zeitraum lief.

Ich glaube, das, was am meisten hängengeblieben ist, was so ein Betriebsrat leisten kann, war dann im Rahmen der Umstrukturierung des Unternehmens einen Sozialplan aufzustellen, gute Ergebnisse für diejenigen zu erzielen, die das Unternehmen verlassen mussten. Da waren viele überrascht, was wir da erreicht haben.

Heute macht mir Mitbestimmung Spaß

ver.di: Wie wichtig ist dir heute die Betriebsratsarbeit?

Gabriel: Die Rolle als Betriebsrat ist eine ganz tolle Rolle, insbesondere die Aufgabe, sich für die Mitarbeitenden und ihre Interessen einzusetzen, zuzuhören, dafür zu sorgen, dass sie sich bei der Arbeit wohlfühlen, das ist eine sehr sinnstiftende Aufgabe. Texte schreiben war Fließbandarbeit, da war die Betriebsratsarbeit eine tolle Ergänzung. Mir gefällt die Verhandlung mit der Arbeitgeberseite, das Ringen um Details. Wenn wir Betriebsvereinbarungen verhandeln, kommt bei mir meine Vergangenheit als Texter wieder durch. Weil es am Ende, wenn es darauf ankommt, um Formulierungen geht.

ver.di: Wenn du dich heute noch einmal entscheiden müsstest, ob du in einem Betrieb ohne Betriebsrat einen gründen sollst, würdest du es wieder tun?

Gabriel: Unter den Voraussetzungen von damals würde ich es wahrscheinlich nicht mehr machen. Das war alles sehr aufregend und abenteuerlich und mit vielen Belastungen verknüpft. Auch vor dem Hintergrund, dass mir so viel Wissen gefehlt hat, als ich dieses Projekt in Angriff genommen habe. Mit dem heutigen Wissen, was ein Betriebsrat eigentlich bedeutet, was er leisten kann, würde ich es ganz klar erneut in Angriff nehmen.

Betriebsratsgründung geht nicht allein

ver.di: Was würdest du jemanden raten, der einen Betriebsrat dort gründen möchte, wo es noch keinen gibt?

Gabriel: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ganz wichtig ist für die Betriebsratsgründung, möglichst viele Beschäftigte mit ins Boot zu holen, Transparenz zu schaffen, dass nicht der Eindruck entsteht, dass eine kleine Gruppe der Mehrheit ihren Willen aufdrücken möchte. Als Initiator muss man sich auch zeigen, Stellung beziehen und Überzeugungsarbeit leisten, das heißt gute Argumente für eine Gründung parat haben. Hier ist es absolut hilfreich, Mitstreiter*innen an der Seite zu haben, auf die man sich verlassen kann. 

Man muss sich außerdem im Klaren darüber sein, dass sich Dinge nicht schnell verändern, dass eine Betriebsratsgründung nicht dazu führt, dass Projekte zack-zack abgeschlossen werden, sondern Mitgestaltung auch ganz viel Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Man muss wissen, dass Veränderungen, die man erwirken möchte, sich nicht über Nacht herstellen lassen. 

Und auch wichtig: Was ich damals nicht gemacht habe, ist, ein Zwischenzeugnis abzuholen. Du musst einfach wissen, sobald dein Name auf einem Aushang steht, wirst du bewertet, unabhängig ob positiv oder nicht, man wird anders bewertet, wenn man offen zeigt, dass man für eine Veränderung einsteht. Mit einem Zwischenzeugnis hat man schwarz auf weiß, was man bis dahin geleistet hat. Dann können sie nicht, in welcher Form auch immer, davon abweichen. Damit schafft man sich eine persönliche Sicherheit. Man weiß nicht, was passiert, in welcher Form es eskalieren kann, ob man sich gegebenenfalls auch einen neuen Job suchen muss. Dann fällt man nicht so hart, wenn man ein weitgehend unbelastetes Zeugnis vorzuweisen hat. Außerdem schadet es sicherlich nicht, für den Fall der Fälle frühzeitig eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen. 

ver.di hilft bei den Betriebsratswahlen

ver.di: Hattet ihr bei der Betriebsratsgründung Unterstützung durch die Gewerkschaft?

Gabriel: Die Unterstützung durch ver.di war absolut hilfreich. Mir wurde gezeigt, wie der Weg ist, ich habe Materialien zur Verfügung gestellt bekommen. ver.di hat uns dabei geholfen, die Mail an die Beschäftigten in einer zugänglichen Sprache zu formulieren, denn diesen spielerischen Umgang mit Gesetzespassagen, den hat man erst, wenn man wirklich weiß, was drinsteht. Wir haben sehr viel positives Feedback auf diese Mail damals bekommen.

Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mich zum damaligen Zeitpunkt in einer Branche bewegt habe, wo ver.di nicht wirklich viel vertreten ist. Und es gab im Betrieb eine große Gewerkschaftsangst, völlig irrational, aber sie war da. Eine Angst, die mehrfach formuliert wurde, so in der Art: „Wenn wir jetzt einen Betriebsrat wählen, marschiert dann die Gewerkschaft ein und übernimmt das Zepter?“ Die Leute hatten diese Angst, nicht nur auf der Geschäftsführerebene. 

ver.di: Wie lassen sich Kolleg*innen für die Betriebsratsarbeit begeistern?

Gabriel: Es war nicht einfach, neue Leute zu finden, die Lust auf Betriebsrat haben. Wir hätten jetzt eigentlich einen siebenköpfigen Betriebsrat wählen müssen, sind aber nur auf fünf Köpfe gekommen, weil es zu wenig Kandidaten gab. Aus dem neuen Betriebsteil hat sich eine Person aufstellen lassen, obwohl dort zwei Drittel der Beschäftigten tätig sind. Aber aus dem alten Betriebsrat sind wieder alle dabei!

ver.di: Ist das nicht auch ein bisschen frustrierend?

Gabriel: Damals wie heute muss ich immer wieder für die Mitbestimmung werben, warum sie gut und wichtig ist. Auch das erfordert Geduld und Durchhaltevermögen.

ver.di: Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast und alles Gute für euren Betriebsrat!

Ihr wollt mehr wissen über Gabriel und was er alles erlebt hat, als er 2016 einen Betriebsrat mitgegründet hat. Wie er durchgehalten hat, obwohl man ihn aus der Agentur drängen wollte. Die ganze Story im anhängenden PDF.

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