Renate Sindt war bis März 2019 ehrenamtliche Vorsitzende des Landesverbands Niedersachsen-Bremen und seit 2015 Mitglied im ver.di Gewerkschaftsrat (GR), dem höchsten Gremium der Ehrenamtlichen. Ursprünglich kommt sie aus der Pflege. Auf dem Bundeskongress 2019 wird sie sich nicht wieder zur Wahl stellen.

Wir haben sie auf dem ver.di Bundeskongress an unseren Social-Media-Caravan geladen und anlässlich des Abschieds von ihrem Posten auf die Meilensteine ihres Wirkens in der Gewerkschaft zurückgeblickt.

„Wir brauchen Zeit für die Menschen in den Betrieben“

Christiane Lehmann: Eigentlich möchte ich gern etwas über deine Vergangenheit in der Gewerkschaft erfahren. Doch da wir uns schon auf dem Bundeskongress treffen, lass uns kurz in der Gegenwart bleiben: Was erwartest du vom Bundeskongress 2019?

Renate Sindt: Mir geht es darum, dass wir als Gewerkschaft endlich die Zeit haben, uns um die Menschen in den Betrieben zu kümmern. Deswegen müssen wir für die strukturellen Veränderungen, die in den letzten vier Jahre auf die Straße gebracht wurden, Wege finden. Ich meine interne Prozesse wie „ver.di wächst“. Der bisherige Aufgabenbereich de*r Gewerkschaftssekretär*innen ist ja aufgeteilt worden. Eine Person übernimmt die individuelle Beratung für Einzelmitglieder, wie zum Beispiel die Rechtsberatung, die „externen“ haben dann hoffentlich mehr Zeit für die Betreuung in den Betrieben. Gleiches gilt für die Neustrukturierung der Fachbereiche.

Trotzdem – oder gerade deswegen: Weil wir schlanker werden, müssen wir unsere Kräfte bündeln. Solidarität ist das Zauberwort. Und auch wenn es erst mal knackst, wird es sich am Ende zurechtruckeln. Ich bin da sehr zuversichtlich.

„Die Digitalisierung ist die größte Herausforderung für die Pflege!“

Christiane Lehmann: Das betrifft die Struktur von ver.di nach innen. Was, glaubst du, sind die größten Herausforderungen in der Zukunft für die Arbeitswelt? Was gibst du deinen Nachfolgern mit?

Renate Sindt: Für mich ist die Digitalisierung DIE große Herausforderung der kommenden Jahre. Und ich finde, dass es dazu schon viele kluge Gedanken in ver.di gibt. Mir gefällt zum Beispiel das Buch „Die digitale Treppe“ meines Kollegen aus dem Bundesvorstand Lothar Schröder. Lothar hat sich Gedanken gemacht, wie sich Arbeitsprozesse durch Digitalisierung verändern und schlägt den Bogen zu „guter Arbeit“ – also wie man Digitalisierung einsetzt, um den Menschen die Arbeit zu erleichtern.

Ich komme ja aus der Pflege. Im Krankenhaus wird sich die Digitalisierung unter anderem in der Personalbemessung niederschlagen. Da müssen wir hinterher sein. Ein anderes sehr wichtiges Thema ist die elektronische Patientenakte. Aus gewerkschaftlicher Sicht geht es hier darum zu klären, ob die Daten, die da gesammelt werden, zur Überwachung des Personals durch die Arbeitgeber dienen könnten. Das werden wir in jedem Fall zugunsten der Kollegen mit begleiten.

Outsourcing im Krankenhaus verhindern

Christiane Lehmann: Du warst bis vor Kurzem außerdem Vorsitzende des ver.di-Landesbezirksvorstandes Niedersachsen-Bremen. Was sind in Bremen, in deiner Region, die speziellen Herausforderungen?

Renate Sindt: Was uns gerade in der Pflege umtreibt, ist der Verkauf von mehreren Kliniken an AMEOS, einen sehr schwierigen Arbeitgeber, der ganz auf Profite ausgerichtet ist – und auf Kosten des Personals spart. Tarifflucht und Outsourcing sind da Stichworte. Alles, was geht, wird ausgegliedert aus dem Krankenhausalltag: die Reinigungskräfte, die Wäscherei und die Küche. Sogar die Ergotherapie ist davon betroffen. Dieses Vorgehen strahlt leider auf die ganze Branche ab, die sieht, was geht. Diese Spirale nach unten müssen wir verhindern.

Nach der Übernahme durch AMEOS haben sich einige Kolleg*innen geweigert, die neuen Arbeitsverträge zu unterschreiben. Daraufhin waren sie einer Reihe von Repressionen durch ihre Arbeitgeber ausgesetzt, auch der Androhung von Entlassung. In der Situation stehen wir den Kolleg*innen natürlich zur Seite.

Ein anderes Thema, das in Bremen gerade die Gemüter bewegt, ist der Zusammenbruch der Windenergie. Gerade hat das letzte Unternehmen in der Region Konkurs angemeldet. Klar, das ist kein ver.di-Thema, die Beschäftigten werden von der IG Metall vertreten. Durch die Klimadebatte ist das Thema dann doch auch für uns wichtig. Hier wurde von der Politik ein großer Fehler gemacht, dass man die Subventionen gestrichen hat. Klar ist aber, dass Gewerkschaften nicht alle Fehler der Politik ausmerzen können.

„Wir haben ahnungslos die Gründung eines Betriebsrats gewagt …“

Christiane Lehmann (lacht): Liebe Renate, ich weiß, du trittst aus dem Gewerkschaftsrat aus und bist auch nicht mehr Landesvorsitzende, aber wenn ich dir so zuhöre, glaube ich nicht, dass du dich aus der aktiven Arbeit zurückziehen wirst. – Aber gehen wir jetzt doch ganz zurück an den Anfang. Wie bist du eigentlich zur Gewerkschaft gekommen?

Renate Sindt: In die Gewerkschaft bin ich 1976 eingetreten. Zu dem Zeitpunkt habe ich in einem konfessionellen Krankenhaus gearbeitet. Wir wollten etwas machen für die Kolleg*innen, haben versucht, einen Betriebsrat zu gründen. Das war ja zu der Zeit in einem kirchlichen Haus unmöglich, es wird ja bis heute noch nicht gern gesehen. Wir sind mit dem Projekt entsprechend krachend gescheitert. Aber wir waren engagiert, haben etwas gewagt. Rückblickend haben wir gedacht: Vielleicht hätte es mit der Gewerkschaft im Rücken geklappt. Wir hatten ja zum Beispiel in rechtlichen Fragen keine Ahnung: Sind wir eigentlich arbeitsrechtlich geschützt während der Betriebsratsgründung? Vielleicht hätten wir auch einfach jemanden gebraucht, der weiß, wie man verhandelt. Jedenfalls war diese Erfahrung der Auslöser, in die Gewerkschaft einzutreten.

„Meine Themen: Pflege und Gleichstellungspolitik“

Christiane Lehmann: Wie ging es weiter?

Renate Sindt: 1978 bin ich in ein kommunales Haus gewechselt, aus persönlichen Gründen. Ich hatte die Möglichkeit, in ein neues Fachgebiet zu wechseln. Dort gab es bereits einen Personalrat und ich kam in Kontakt, weil ich eine rechtliche Frage hatte, und dachte: Wie gut das ist, Leute zu haben, die sich auskennen!

Christiane Lehmann: Und wann hast du dich zum ersten Mal selbst gewerkschaftlich engagiert?

Renate Sindt: Das war damals eine Arbeitsgruppe der ÖTV, ein Zusammenschluss aus Gesundheit, Kirche und Sozialen Diensten. Wir haben uns im Bereich Gesundheitspolitik engagiert. Ziemlich bald kam bei mir auch das Thema Frauen- und Gleichstellungspolitik hinzu. Ich war danach zehn Jahre lang Frauenbeauftragte im Klinikum Bremerhaven.

Das Ehrenamt: erlebte Solidarität verleiht Superkräfte

Christiane Lehmann: Wenn ich das richtig verstehe, hast du während dieser Zeit Vollzeit gearbeitet, zumal in Schichtdiensten, und hattest diese sehr anspruchsvollen Ehrenämter. Ich frage mich: Wie hält man das durch?

Renate Sindt: (lacht) Das Ehrenamt ist natürlich immer eine Investition in die Freizeit. Und es gibt auch Momente, in denen es sehr anstrengend ist. Aber es hat mir auch sehr viel Kraft gegeben. Ich fand es toll, mit anderen etwas gemeinsam zu machen, die Kräfte zu bündeln und zu sehen, dass man zusammen Dinge bewegen kann. Dieser Gedanke hat mir immer die Energie gegeben durchzuhalten.

Ja – und natürlich war da ja auch noch die Familie! Es gab eine Pause: Nach der Geburt meines Kindes habe ich drei Jahre Auszeit von der politischen Arbeit genommen.

Christiane Lehmann: Aber du hast ganz regulär trotz Kind Vollzeit im Schichtdienst gearbeitet?

Renate Sindt: Ja. Nur Windeln zu wechseln hätte mir nicht gereicht. (lacht)

Christiane Lehmann: Das ist schon ein ordentliches Pensum. Zu der Zeit war das in Westdeutschland ja nicht unbedingt „normal“, dass die Mutter überhaupt arbeitet – schon gar nicht Vollzeit und im Schichtdienst. Da warst du deiner Zeit sehr sicher voraus. — Was sind denn für dich die wichtigsten Erfolgserlebnisse aus dieser Zeit?

„Unsere Erfolge haben den Kolleginnen viel bedeutet …“

Renate Sindt: Wir haben damals bei uns im Haus den Grundstein für das Thema Arbeitszeit gelegt – heute ist es ja selbstverständlich, dass Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich arbeiten möchten, aber damals war das undenkbar. Bei uns war man da besonders starr, fühlte sich als Elite. Es wurde auf unter den „Hardlinern“ als unmöglich angesehen, Dienstpläne zu schreiben, in denen Teilzeitkräfte vorkamen. Wir haben aber durchgesetzt, dass auch auf unserer Station bis zu vier Leute in Teilzeit gehen konnten. Auf der anderen Seite haben wir erkämpft, dass Kolleginnen von der Teilzeit zurück in Vollzeit gehen konnten. Das war zukunftsweisend. Das Brückenteilzeitgesetz mit einem gesetzlichen Anspruch auf Rückkehr zur Vollzeit gilt ja erst seit jetzt, seit Januar 2019. Das war damals wirklich eine Revolution.

Eine andere Sache, auf die ich stolz bin, liegt in der Zeit als ver.di-Frauenbeauftragte in Bremen. Es ging um Weiterbildungen von Ärztinnen. Normalerweise dauert so eine Weiterbildung ungefähr fünf Jahre. Eine Verlängerung war auf maximal zwei Jahre begrenzt. Für Frauen in Teilzeit, meistens mit Familie, war das oft nicht zu schaffen. – Wir sind ein Bündnis mit der Ärztekammer Bremen eingegangen und haben die Aufhebung dieser Begrenzung erstritten. Damit waren wir das erste Bundesland, in dem das möglich war. In manchen Ländern existiert diese Begrenzung bis heute. Viele Frauen waren uns sehr dankbar.

Ein starker Betriebsrat kann den Arbeitsplatz retten

Christiane Lehmann: Was war denn für dich persönlich die schönste oder berührendste Geschichte in deinen ver.di-Jahren bisher??

Renate Sindt: (denkt nach, lacht): Es gab da einige … Ich erinnere mich zum Beispiel gern an eine Kollegin, eine Hebamme, deren Befristung auslief. Es war es aber auch klar war, dass sie – wieder befristet — verlängert werden sollte. Sie schaute aus irgendeinem anderen Grund im Betriebsratsbüro vorbei. Mir fiel zufällig ein, dass diese Verlängerung angestanden hatte, und ich fragte: „Hast du deinen neuen Vertrag schon unterschrieben??“ Als sie sagte: „NEIN“, war meine Antwort: „Dann kannst du jetzt den Schampus aufmachen, du bist drin!“ In dem Moment, in dem ein Arbeitnehmer auch nur eine Stunde über den Zeitarbeitsvertrag hinaus arbeitet, kann er oder sie nicht mehr grundlos gekündigt werden.

Dann wurde es aber erst mal sehr hässlich. Der Personalleiter wurde aggressiv, als er seinen Fehler bemerkte. Die Kollegin wurde sofort freigestellt. Das Ganze hat sie sehr belastet. Ich habe in all den Jahren vielleicht fünf Personen meine private Telefonnummer gegeben: Sie war eine davon. Ich sagte: „Du kannst mich rund um die Uhr anrufen.“ Wir haben dann alles getan, was ging, die juristische Begleitung gemacht; und haben es auch geschafft: wir haben die Wiederanstellung erreicht und die Nachzahlung des Gehaltes. Der Arbeitgeber hat nach seiner Niederlage versucht, das Gesicht zu wahren, und hat ihr zum Glück keine weiteren Steine in den Weg gelegt. Sie war danach noch mehrere Jahre im Haus.

Christiane Lehmann: Ich finde es toll, was man durch eine starke betriebliche Mitbestimmung alles erreichen kann. Überhaupt ist dein Weg ein Beispiel dafür, welche Kraft in Bündnissen und im Zusammenhalt liegt. Nämlich dass man Veränderungen erreicht, die so erst mal undenkbar gewesen wären. Renate, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für deine Zukunft!

Hier geht es zum Bereich Gesundheit & Soziales

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