Als wir an diesem milden Vorfrühlingstag aus den Tiefen des U-Bahnhofs auftauchen, blendet uns die Sonne. Wir laufen auf ein modernes Schulgebäude im Münchner Norden zu, das Licht spiegelt sich in den Fenstern, ein paar Markisen sind ausgefahren. Hier im beruflichen Schulzentrum an der Nordhaide hat die Städtische Fachakademie für Heilpädagogik ihren Sitz. 

Alexander Schleißinger-Schiller, hauptberuflich Heil- und Sozialpädagogischer Fachdienst beim Referat für Bildung und Sport der Stadt München, unterrichtet hier – nebenberuflich – angehende Heilpädagog*innen. Mit warmer Stimme begrüßt er uns und führt uns in den einladenden, lichtdurchfluteten Bau.

Arbeiten und lehren nach heilpädagogischem Ansatz

Die Fachakademie für Heilpädagogik befindet sich im Erdgeschoss. Hier finden sich neben Seminarräumen ein gemütlicher Aufenthaltsraum für die Studierenden und ein Lehrerzimmer, in dem Dozent*innen in entspannter Atmosphäre arbeiten, reden oder Kaffee trinken. Wir blicken in einen Raum, in dem etwa zehn Personen mit der Dozentin um einen Tisch sitzen, eine Supervision, wie Alexander erklärt. In einem anderen Raum werden Klausuren geschrieben – da heißt es still sein. Um 9.50 Uhr ertönt ein Geräusch, das Erinnerungen an die eigene Schulzeit weckt – der Gong, der das Ende der Schulstunde ankündigt. Wir lassen uns in einem leerstehenden Klassenzimmer nieder. 

ver.di: Wir treffen dich hier bei deinem „Nebenjob“. Du unterrichtest nebenberuflich angehende Heilpädagog*innen – hattest du Sehnsucht nach deiner eigenen Schulzeit?

Alexander Schleißinger-Schiller: Nicht unbedingt (lacht). Ich habe selbst eine Ausbildung zum Heilpädagogen absolviert, schon deswegen liegt mir die Ausbildung des Nachwuchses sehr am Herzen. Mein Schreibtisch steht allerdings im Referat für Bildung und Sport der Stadt München. Ich arbeite im Hauptberuf als Heil- und Sozialpädagogischer Fachdienst. Hier in der Fachakademie unterrichte ich angehende Heilpädagog*innen in zwei Übungsfächern.

Heilpädagogischer Fachdienst bei der Stadt: Kein Arbeitstag gleicht dem anderen

ver.di: Dann erzähl uns doch erst mal etwas über deinen Hauptberuf. Was sind die Aufgaben eines Sozialpädagogischen Fachdienstes? 

AleAlexander Schleißinger-Schiller: Ich berate und unterstütze Tagesheime an 40 Münchener Grundschulen zum Thema Inklusion. 

ver.di: Bevor du weiter in die Tiefe gehst, erklär‘ mir doch: Was genau sind denn Tagesheime?

Alexander Schleißinger-Schiller: Das ist wohl eine Münchener Besonderheit (lacht). Ein Tagesheim ist eine Art Hort, also verantwortlich für die Nachmittagsbetreuung von Kindern. Tagesheime befinden sich meist auf dem Gelände von Grundschulen und sind mit diesen teilweise auch eng vernetzt.

Die Tagesheime, die ich begleite, nehmen Kinder aus dem gesamten Schulsprengel auf, egal ob mit oder ohne sonderpädagogische Förderbedarfe oder anerkannte Behinderungen. Wesentliche Aufgaben sind dabei das soziale Miteinander und die Freizeitpädagogik. Das schafft für die Einrichtungen immer wieder neue Herausforderungen. 

„Ich unterstütze das Fachpersonal in den Einrichtungen, arbeite aber auch mit einzelnen Kindern“

ver.di: Verstanden. Und wie sieht die Unterstützung dann aus, die die Einrichtungen von dir erwarten können? 

Alexander Schleißinger-Schiller: Meine Aufgabe als sozialpädagogischer Fachdienst ist es, die pädagogischen Mitarbeiter*innen dabei so zu unterstützen, dass sie die bestmöglichen Rahmenbedingungen für diese Kinder schaffen können. Ich arbeite aber auch mit einzelnen Kindern, wenn ich darum gebeten werde. Wenn gewünscht, begleite ich auch die Eltern oder informiere sie über weiterführende Maßnahmen und Anlaufstellen. 

Ich habe das Glück, dass meine Stelle damals neu geschaffen wurde und ich seitdem die Möglichkeit habe, sie nach meinen Ideen zu formen und auszufüllen. 

ver.di: Und „deine“ Tagesheime kommen dann auf dich zu oder wie kommt es zur Zusammenarbeit?

Alexander Schleißinger-Schiller: Genau, sie treten mit mir in Kontakt. Ich bin sozusagen ein Angebot an diese 40 Einrichtungen. Die Kolleg*innen dort können mich anrufen, wenn sie konkrete Probleme mit einem Kind haben, aber auch wenn sie merken, dass sie ihre eigenen Arbeitsweisen hinterfragen oder ändern möchten. Ich komme über unterschiedlich lange Zeiträume – es kann auch mal bis zu einem Jahr sein – immer wieder in die Einrichtung und arbeite in den Gruppen mit. Ich bringe – falls erwünscht – meine Gedanken und Ideen ein und nicht selten führt diese Mischung aus Innen- und Außensicht dazu, dass wir zusammen neue, bessere Lösungen finden – sei es für ein Kind oder für ein Team oder beides. Das ist das Tolle an meiner Arbeit, dass man immer wieder Erfolgserlebnisse hat, die man nicht vergisst.              

„Als sozialpädagogischer Fachdienst helfe ich dabei, Kompetenzen aufzubauen“

ver.di: Nach so einem unvergesslichen Erlebnis werde ich dich gleich in jedem Fall fragen. Aber vielleicht zunächst mal: Wie sieht konkret so ein Tag bei dir aus?

Alexander Schleißinger-Schiller: Meine Tage sind sehr unterschiedlich. Manchmal verbringe ich den Vormittag im Büro mit Vorbereitungen und Vernetzungsarbeit, telefoniere mit anderen Stellen und stelle die Kontakte untereinander her. Am Nachmittag fahre ich oft in eine der Einrichtungen, wo ich in der Gruppe mitarbeite. Falls es gewünscht ist, bin ich in der Teamsitzung mit dabei. Gemeinsam mit den Erzieher*innen reflektieren wir: Wie gehe ich mit dem Kind um, das eine Auffälligkeit oder eine Behinderung hat? Was für Stärken und Interessen hat es? Wie kann ich das Kind bei Partizipation und Teilhabe unterstützen? Was habe ich für Gruppenstrukturen, wie sind die räumlichen Begebenheiten, gibt es Rückzugsmöglichkeiten, gibt es geeignetes Spielmaterial, sind die Themen und Interessen des Kindes vertreten? Aber es kann auch um das Team gehen: Wie ist die Arbeit organisiert? Kann man das auch anders machen, dass es für alle besser ist?

Übergreifend kann man sagen: ich helfe dabei, Kompetenzen aufzubauen, sowohl bei den Fachkräften als auch bei den Kindern. 

ver.di: Das klingt wirklich spannend – ich bin neugierig und deswegen die Frage nach einem konkreten Beispiel.

Alexander Schleißinger-Schiller: Mir fällt ein Fall ein, der meine Arbeit ganz gut veranschaulicht. Ein Tagesheim hatte mich um Hilfe gebeten, weil es Probleme mit einem Kind gab. Dieser Junge war oft sehr aufgeregt und es gab immer wieder Konflikte. Irgendwann kam es zu solch einer Situation, als ich dort war. Die Erzieherin war im Stress, weil sie die anderen Kinder betreuen musste, und konnte sich nicht um ihn kümmern.

Das ist das Gute an meinem Job. Ich habe die Zeit, die die Erzieher*innen nicht haben. Ich hatte die Möglichkeit, den Jungen, der immer aufgeregter und nervöser wurde, zur Seite zu nehmen und ihm zu zeigen: Ich nehme mir jetzt Zeit für dich, ich versuche dein Problem zu verstehen.

Es stellte sich im Fall des Jungen heraus, dass er einfach sehr verunsichert war, weil es ein Missverständnis gab, ob seine Musikschule nun stattfinden würde oder nicht. Eltern und Erzieherin hatten ihm Widersprüchliches dazu gesagt. Wegen seiner sprachlichen Fertigkeiten hatte der Junge Schwierigkeiten, dieses Problem zu benennen, und wusste nicht, wie damit umgehen. Die Erzieherin hatte aber alle Hände voll zu tun, dadurch fehlte ihr die Zeit für das Problem des Kindes und es kam zu dem Missverständnis. 

Als mir das klar geworden war, bin ich mit dem Jungen an der Hand rüber ins Nebengebäude, wo die Musikschule ist, und wir haben festgestellt, dass der Unterricht tatsächlich ausfällt. Damit war das konkrete Problem des Jungen gelöst und er war gleich viel relaxter. 

Das hört sich vielleicht einfach an, aber auf solche Kleinigkeiten kommt es an. So versteht die Erzieherin, was mit dem Jungen los ist, wenn er das „Störverhalten“ an den Tag legt. Und der Junge lernt sich mitzuteilen, damit sein Problem gelöst werden kann. So etwas geht verloren, wenn man die Zeit nicht hat, sich damit zu beschäftigen und die Situation spitzt sich immer mehr zu. 

Wir haben nachher in der Teamsitzung über diesen an sich banalen Fall gesprochen. Die Kolleg*innen hatten daraufhin eine Idee, wie sie ihre Arbeit trotz der angespannten Personallage anders organisieren könnten, sodass eine der beiden Fachkräfte mehr Zeit für einzelne Kinder hat. In dem geschilderten Fall habe ich nach einem halben Jahr die Rückmeldung bekommen, dass sie tatsächlich die Betreuung zum Besseren umstrukturieren konnten und dass sich auch der Junge richtig gut entwickelt hatte.

„Wir arbeiten mit den Stärken der Kinder, nicht mit ihren Defiziten“

Ein weiteres Beispiel: Der Junge, der einen sehr niedrigen IQ diagnostiziert bekam und deshalb auf eine Förderschule ging. In der Nachmittagsbetreuung konnten wir den Jungen nochmal zusätzlich und ergänzend zur Schule fördern. Auch der Kontakt zu den Kindern ohne sogenannte Beeinträchtigung wirkte unterstützend. Der heute junge Mann macht mittlerweile eine ganz reguläre Ausbildung im Einzelhandel. Durch unsere Unterstützung in dem integrativen Setting konnte er – vielleicht – ganz anders wachsen. Solche Geschichten motivieren mich weiterzumachen!

ver.di: Ich verstehe das Beispiel so, dass du in eine Einrichtung kommst und die Möglichkeit hast, dir die Zeit für den Einzelfall zu nehmen, die die Erzieher*innen im Alltag nicht haben.

Alexander Schleißinger-Schiller: Ja, das stimmt! Das Spannende an meiner Stelle ist, dass ich Pionierarbeit leisten kann, indem ich einrichtungsübergreifend Strukturen mitentwickle und etwas auf den Weg bringe. Ich kann viel anstoßen und unterstützen, Impulse setzen und habe eine gewisse Freiheit. Gleichzeitig verliere ich den Kontakt zur Basis nicht, weil ich projektbezogen mit Kolleg*innen, Kindern und Eltern arbeite. Das ist eine sehr gute und spannende Mischung – the best of all worlds quasi.

„In der Arbeit mit behinderten Menschen war ich von deren Offenheit und Herzlichkeit sofort begeistert“

ver.di: Ich finde das ziemlich toll, wenn man eine Stelle hat, auf der man sich „genau richtig“ findet. So klingt das nämlich. Aber wie war der Weg dahin? – Welchen Weg bist du nach der Schule gegangen?

Alexander Schleißinger-Schiller: Das erste Mal in Kontakt kam ich mit Kindern mit geistiger Behinderung auf der Realschule während eines Pflichtpraktikums in einer Förderschule. An die Schule der Kinder war eine heilpädagogische Tagesstätte angeschlossen. Ich weiß noch, wie nervös ich war – vorher war ich ja noch nie bewusst mit Menschen mit Behinderung in Berührung gekommen. Doch ich war von der Offenheit und Herzlichkeit sowohl von Schüler*innen als auch von Kolleg*innen sofort begeistert. Schon nach dem ersten Tag meines Praktikums wusste ich: In den Bereich will ich gehen!! Ich will mit Kindern und jungen Menschen arbeiten und sie ein Stück weit begleiten bei dem, was auf sie zukommt. 

Das habe ich dann auch getan. Nach einer fünfjährigen Ausbildung zum Erzieher habe ich zuerst in einem ganz normalen Kindergarten gearbeitet, aber nach zwei Jahren gemerkt, dass mir etwas fehlt – ich wollte wieder mit Kindern mit besonderen Herausforderungen arbeiten.  

Die Ausbildung zum Heilpädagogen ist anspruchsvoll und langwierig

ver.di: Verstehe. Was hat dich gerade an dieser Arbeit so gereizt?

Alexander Schleißinger-Schiller: Ich hatte immer besonderes Interesse an der Förderung von Kindern, die ein bisschen aus dem Rahmen fallen, bei denen Kolleg*innen sich vielleicht etwas schwerer tun, Berührungsängste oder Unsicherheiten haben. Ich finde es spannend, genauer hinzuschauen: Wie kann man diese Kinder mit ihrer vielleicht etwas schwierigeren Startposition möglichst gut unterstützen, um sie ihren Weg finden und gehen zu lassen … 

Mir ist bei meiner Arbeit ein positiver Ansatz wichtig. Ich suche nicht nach Fehlern, um sie zu „reparieren“. Ich achte darauf, welche Stärken bei den Kindern, bei den Teams da sind und was sie können. Ich will Unterstützung beim Wachsen geben, gemeinsam etwas entwickeln und ihnen etwas auf ihrem Weg mitgeben. 

ver.di: Trotz fünfjähriger Erzieher-Ausbildung: Für die Arbeit in so einem Bereich war noch mal eine spezielle Ausbildung erforderlich …

Alexander Schleißinger-Schiller: Genau. Ich habe dann die Ausbildung zum Heilpädagogen begonnen, mein Schwerpunkt war dabei die stationäre Jugendhilfe. Im Unterschied zum eher wissenschaftlich ausgerichteten Studium ist die Ausbildung zum Heilpädagogen, die ich gemacht habe, sehr praxisbezogen. Ich finde das gut. Wir haben uns innerhalb der Ausbildung mit Themen wie vertiefter Entwicklungspsychologie, medizinischen Grundlagen, Heilpädagogischer Entwicklungsbegleitung oder systemischem Arbeiten beschäftigt und es in Teilen auch anwenden können. Die Ausbildung ist wirklich anspruchsvoll: Neben mündlichen und schriftlichen Prüfungen bestand der Abschluss aus einer Facharbeit über das zweijährige Praktikum.

ver.di: Wow, ja, das hört sich in der Tat anspruchsvoll an. Wie wurdet ihr betreut?

Alexander Schleißinger-Schiller: Wir haben uns in dieser Zeit eng mit unseren Praxisanleiter*innen und Mentor*innen ausgetauscht und es war auch nötig. Als gerade 22-Jähriger wurde ich jetzt mit Eltern konfrontiert, deren Leben durch die Behinderung ihres Kindes stark verändert worden war, die selbst erst wieder in die Spur kommen mussten. Man setzt sich automatisch mit Themen wie veränderbarem und nicht veränderbarem „Leid“ und vor allem der Frage: „Was ist eigentlich Normalität?“ auseinander und lernt auch in gewisser Weise, die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen.

2005 habe ich die Ausbildung als staatlich anerkannter Heilpädagoge dann abgeschlossen und bin von Aschaffenburg nach München in die stationäre Jugendhilfe gewechselt. 

„In der stationären Jugendhilfe waren die Arbeitsbedingungen katastrophal“

ver.di: Dort hast du nicht nur gute Erfahrungen gemacht, wie du mir im Vorgespräch gesagt hast …

Alexander Schleißinger-Schiller: Da kam viel zusammen. Ich hatte meine Ausbildung im relativ beschaulichen Aschaffenburg gemacht. In München traf ich auf ein ganz anderes Setting: In der Großstadt gibt es viel mehr soziale Probleme. 

Das Haus musste damals sehr viele Jugendliche betreuen, zu der Zeit viele unbegleitete geflüchtete Minderjährige. Die Kolleg*innen waren sehr engagiert, aber wir hatten eine hohe Fluktuation. Kein Wunder – wir hatten alle mit sehr schlechten Arbeitsbedingungen wie 24-Stunden-Diensten oder geteilten Diensten zu kämpfen. 

Sobald jemand krank war, hatten wir eine völlige Notsituation, etwa wenn wir nur noch drei Betreuer*innen für fünf Gruppen waren. Dann wurden mal eben zwei Gruppen aufgelöst und auf die anderen verteilt. Aus pädagogischer Sicht eine Katastrophe! Aber der Betrieb muss ja irgendwie laufen, man kann die Jugendlichen ja nicht wegschicken! 

Ich habe ziemlich bald gedacht: „Ich gehe!“ Aber dann hat mich jemand angesprochen, ob ich mich für die Personalratswahlen aufstellen lassen möchte – sie haben gerade jemanden aus der stationären Jugendhilfe gesucht. So habe ich angefangen, mich berufspolitisch zu engagieren. Ich war erst Personalrat, kurz danach bin ich auch zur Gewerkschaft gekommen und wegen dieses Engagements bin ich dann auch erst mal geblieben. Ich dachte, ich könnte vielleicht auf diesem Wege etwas bewegen.

Irgendwann hat mich der Job aber gesundheitlich so fertig gemacht, dass nichts mehr ging. Besonders schlimm fand ich den Schichtdienst mit Schlafbereitschaft, den habe ich auf Dauer unter diesen teilweise chaotischen Arbeitsbedingungen nicht verkraftet. Schlafen musste man im Büro auf dem Ausklappsofa, direkt neben dem Arbeitsplatz. Oft kam man aber nicht zum Schlafen, weil vielleicht ein Jugendlicher abgängig war, zu spät heimkam, Randale gemacht hat und wenn man alle im Bett hatte, war es schon wieder Zeit zum Aufstehen. Ich bin dann irgendwann mehrere Wochen wegen Hörsturz und Tinnitus ausgefallen. Der Tinnitus begleitet mich heute noch. Nach drei Jahren in der stationären Jugendarbeit war mir klar: Wenn ich so weitermache, bin ich mit dreißig arbeitsunfähig. Dann bin ich gegangen.

Inklusion im Arbeitsauftrag und als Lehrkraft

ver.di: Das ist krass. Zu den Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit kommen wir aber später noch mal. – Erst mal zurück zu deinem Weg. Ich hoffe, du hast es mit der nächsten Station besser getroffen …

Alexander Schleißinger-Schiller: Ich habe danach eine Stelle als Heilpädagogischer Fachdienst in einem Integrationshort angenommen. Meine Aufgabe im Team war es, im Haus Strukturen mit zu gestalten, um die fünf Kinder mit Behinderungen in die Gruppe von insgesamt 40 Kindern im Grundschulalter zu integrieren. Meine Stelle lief luxuriöserweise sogar außerhalb des Betreuungsschlüssels. Diese Arbeit hat mir großen Spaß gemacht – hier bin ich auch sieben Jahre lang geblieben. 

Ich bin ein Mensch, der immer wieder etwas Neues braucht. So habe ich in der Zeit im Hort die Betreuung der Praktikanten übernommen, die von der Fachakademie kamen. Auf einmal fragte die Akademie an, ob ich auch unterrichten könne, sie brauchten eine Lehrkraft für Inklusion, „Übungen zur Inklusiven Pädagogik“ heißt das Fach. Ich sagte „Ja“ und durfte zu meiner Überraschung drei Tage später anfangen. Seitdem unterrichte ich hier. Bei den Studierenden aus meinem ersten Jahr möchte ich mich im Nachhinein an dieser Stelle entschuldigen (lacht). Das war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser!

Ich habe dann noch mal gewechselt und war zwei Jahre stellvertretender Leiter in einem Haus für Kinder, diesmal Kindergarten & Hort. Dort kam es zu strukturellen Veränderungen und genau in dem Moment kam jemand mit meiner heutigen Stelle auf mich zu.

„Ich kann meine Stelle selbst ausgestalten“
Kindertheaterproduktion aus dem Theater im Roßstall Germering (Piraten in der Rumpelkammer). Foto: Rüdiger Trebes

ver.di: Klar, dass du zugegriffen hast. Diese Stelle vereinigt ja alle deine Kompetenzen!

Alexander Schleißinger-Schille: Ja, das hat mich natürlich gereizt. Und dass ich so frei bin. Dass ich mir die Arbeit selbst gestalten kann. Dass ich auch viel von mir einbringen kann. Ein Beispiel: Ich habe vor Jahren durch eine Fortbildung das Zaubern als pädagogischen Ansatz entdeckt. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich danach einen richtigen Zauberlehrgang absolviert habe, richtig mit Abschlussprüfung auf der Bühne. Ich spiele auch leidenschaftlich Theater. Und seitdem mache ich immer wieder Zauber- und Theaterprojekte mit Kindern.  

ver.di: Du hast ja auch deine Studierenen hier an der Fachakademie zum Zaubern gebracht …

Alexander Schleißinger-Schiller: Irgendwann kam in der Akademie die Frage auf, welche neuen Methoden man den Studierenden vorstellen könnte und da habe ich gesagt, dass ich Zaubern als pädagogischen Ansatz anbieten könnte. Die Akademie sagte „ja“, wollte es aber auch in der Praxis ausprobieren und es passte so gut ins Konzept, dass wir es in einem „meiner“ Tagesheime umgesetzt haben. So kamen meine beiden Tätigkeiten zusammen. Und dem Feedback nach hat es sowohl den Studierenden wie den Kindern großen Spaß gemacht!

Auswirkungen des Corona-Virus auf die tägliche Arbeit:

Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie und dem darauffolgenden Shutdown im März hat sich meine Arbeit natürlich geändert. Es ging alles so schnell im Frühjahr, dass wir, die Kollegen und ich, von der Schließung der Schulen und dem Herunterfahren der sozialen Einrichtungen aus dem Fernsehen erfahren haben. Für mich ging es ganz schnell ins Home Office. Viele Tagesheime, mit denen ich arbeite, fuhren mit Notbesetzung und setzten ihre Arbeit sehr eingeschränkt fort. Dadurch wurden natürlich auch Projekte und Beratungsprozesse unterbrochen, in die ich eingebunden war. Die Themen waren von heute auf morgen einfach andere.

Mein Vorteil ist, dass ich es gewöhnt bin, mir meine Arbeit selbst zu gestalten. Ich habe überlegt, was in der völlig unerwarteten Situation sinnvoll wäre und habe mich daran gemacht, qualitativ hochwertige Online-Weiterbildungen für Erzieher*innen zu recherchieren und in einem Katalog zusammenzustellen, die aus dem Home Office belegt werden können und mit den aktuellen Bedarfen der Mitarbeiter*innen und Häuser übereinstimmen.

Um Ostern herum gab es eine Abordnung meines Arbeitgebers, der Stadt München, in die Corona Hotline – eine Erstberatung für Bürger*innen zur Corona-Krise am Telefon. In der Praxis war es oft wie eine Art Telefonseelsorge. Ich hatte viele Gespräche mit älteren Menschen, gerade um die Osterfeiertage herum, die ihre Angehörigen nicht sehen durften. 
Im Mai ging es dann nach ca. sechs Wochen zurück auf meine reguläre Stelle.

Mein Arbeitsalltag hat sich in Teilen geändert: Vor Corona war ich fast täglich in unterschiedlichen Tagesheimen – das geht in der Pandemie natürlich nicht. Überhaupt kamen wenige Tagesheime mit Anfragen auf mich zu, in denen es darum ging, einzelne Kinder zu unterstützen. Immerhin: Ein großes Projekt ist erhalten geblieben, an dem ich weiterarbeiten konnte. 

Aus meiner Perspektive ist die Arbeit in den Tagesheimen seither verändert und herausfordernd. Für Schulen und Nachmittagsbetreuung gibt es teilweise sehr unterschiedliche Anforderungen, die sich immer wieder geändert haben. Mein letzter Kenntnisstand vor den Ferien ist, dass zwar morgens nur die Hälfte der Kids beim Präsenzunterricht anwesend war, nachmittags aber alle zusammen bunt gemischt in Hort, Kita oder Tagesheim spielten. Dadurch gelten teilweise unterschiedliche Anforderungen an die Hygieneregeln am Vor- und Nachmittag im selben Haus. Da wir in Bayern zurzeit noch Ferien haben, weiß ich nicht, wie es danach weitergehen wird.


Ich muss aber sagen, dass – nach dem, was ich sehe – der worst case bisher ausgeblieben ist: Bisher sind von den Einrichtungen noch wenige Meldungen über Veränderungen im Verhalten der Kinder bei uns angekommen. Dennoch glaube ich, dass viel von der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Familien und dem Engagement von Schulen und Einrichtungen abhängt, wie Kinder die Herausforderungen durch diese Krise bewältigen können. 

Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass diese ganze Situation von ihrer Natur her unserer Art zu arbeiten widerspricht. Die aktuelle Situation erfordert klare Regeln, Abstandskonzepte, nach denen sich die Kinder verhalten müssen, und die Erzieher*innen sind hinterher, dass die Kinder sich daran halten. Unsere Arbeit aus heilpädagogischer Sicht ist auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes ausgelegt. Wir versuchen Rückzugsräume zu schaffen, die Kinder zu unterstützen, eigene Themen nach eigenem Interesse und möglichst selbständig zu wählen und zu verfolgen – normalerweise in selbstgewählten Räumen und Kleingruppen. Dadurch kommt es automatisch zu Vermischung von Gruppen. Das soll nun aber vermieden werden … Wie also soll man auf längere Sicht nun arbeiten? In mancher Hinsicht fühle ich mich methodisch „nackt“.

Ich arbeite im Moment an Projekten eher formaler Natur – Beantragungen oder die Erstellung von Datenbanken für den Wissenstransfer –, recherchiere darüber hinaus mögliche Szenarien und baue Netzwerke auf, um anschließend in jeder Situation möglichst schnell reagieren zu können. Herbst und Winter werden zeigen, in welche Richtung es weitergehen wird.

„Wir brauchen mehr gut ausgebildetes Fachpersonal“

ver.di: Ich freue mich, dass es für dich im Prinzip so eine Art Happy-end gibt, nachdem du ziemlich am Anfang deines Berufslebens erlebt hast, wie zerstörerisch die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit oft sind. – Du hast heute das Glück, dass deine Stelle oder Funktion so besonders ist. Aber wie sind denn die Arbeitsbedingungen für die Pädagog*innen in den Tagesheimen, die du betreust?

Alexander Schleißinger-Schiller: Im Prinzip tut die Stadt einiges dafür, die Arbeitsbedingungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten an den Einrichtungen gut zu gestalten: Es gibt tarifliche bis übertarifliche Bezahlung, es wurde für Erzieher*innen in Vollzeit eine Zulage eingeführt, wir haben Fort- und Weiterbildungsangebote, Fachberatung und betriebliches Gesundheitsmanagement. 

München steht aber gerade vor zwei großen Herausforderungen: erstens die Umsetzung der Inklusion und zweitens der Ausbau des Ganztags. Gleichzeitig wird das Fachpersonal immer knapper. Um eine qualitativ hochwertige Bildungsarbeit zu leisten – die ja politisch gefordert wird – muss meiner Meinung nach noch viel mehr in Aus- und Weiterbildung investiert werden. Wir brauchen in der Summe mehr und gut ausgebildetes Personal, um nicht nur „Basisbetreuung“ anbieten zu können. Und das flächendeckend in allen Ballungsräumen.

ver.di: Wenn Inklusion wirklich gelingen soll, braucht man generell mehr qualifizierte Fachkräfte, oder …??

Alexander Schleißinger-Schiller: Genau. Durch die Inklusion wird die Schülerschaft heterogener. Jetzt tauchen Kinder mit Behinderungen häufiger in ganz „normalen“ Schulen und Tagesheimen auf. Nicht wenige Kolleg*innen fühlen sich verunsichert, denn sie hatten vielleicht noch nie Berührung mit Kindern mit Down-Syndrom. 

(Alexander gerät in Fahrt) Aber wenn man Inklusion ernst meint, muss man den Erzieher*innen, die im Rahmen ihrer Ausbildung nur heilpädagogische Basiskompetenzen erworben haben, geschultes Fachpersonal zur Seite stellen, das ihnen unter die Arme greift und sagt: Probiert es mal anders, nehmt die Perspektive des Kindes ein! Überlegt, wie es den Eltern damit geht, ein Kind mit Behinderung zu haben, was könnten die mitgemacht haben und was heißt das wiederum für das Kind? Wie rede ich am besten mit einem Kind mit geringerem IQ, damit es mich versteht, und wie kann ich einfache Sprache einsetzen? Was mache ich mit Eltern, die vielleicht eine geistige Behinderung haben? 

Genau dafür sind wir Heilpädagog*innen ausgebildet. Ich bin ein großer Verfechter des multiprofessionellen Teams, das mehrere Perspektiven – die der Erzieher*innen, der Sozialpädagog*innen und der Heilpädagog*innen – zusammenbringt, denn nur so kann man Kinder, die mehr Förderungen benötigen, auch wirklich integrieren!

Ausbildungsbedingungen für Heilpädagogen müssen verändert werden

ver.di: Was glaubst du – als jemand, der Heilpädagogen ausbildet: Wie kann man dem Fachkräftemangel entgegenwirken?

Alexander Schleißinger-Schiller: Man muss bei den Ausbildungsbedingungen anfangen. Wir brauchen mehr Möglichkeiten, Fortbildungszeit und Arbeitszeit zu koppeln. Die Leute, die zu uns in die Ausbildung kommen, standen schon im Arbeitsleben und müssen sich irgendwie finanzieren. Sie würden sich leichter für ein Studium oder eine Weiterbildung entscheiden, wenn sie in der Zeit weiter Gehalt bekämen. Im Gegenzug könnte die Einrichtung sie verpflichten, ein paar Jahre zu bleiben. Auch eine Art Sabbatical oder bezahlter Weiterbildungsurlaub wäre denkbar. 

Wir haben hier in unserem Ausbildungsgang momentan leider sinkende Bewerberzahlen, auch weil eine Vollzeitausbildung in einer Stadt wie München mit explodierenden Mieten schwer finanzierbar ist. Das Aufstiegs-BAFÖG wurde leider nur gering angepasst an die aktuellen Rahmenbedingungen.

Außerdem brauchen wir mehr Flexibilität in den Ausbildungsgängen. Eine strukturierte Anerkennung von Vorleistungen bei Hochschulen sollte selbstverständlich sein – keiner möchte nach einer siebenjährigen Ausbildung wieder bei Null anfangen, wenn er oder sie sich entscheidet, noch den Bachelor obendrauf zu setzen. 

ver.di: Ich habe es in unserem Gespräch jetzt so verstanden, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, Heilpädagogik zu erlernen, und welche Konsequenzen hat das? Kannst du das noch mal erläutern?

Alexander Schleißinger-Schiller: Ja, das ist so. Es gibt zwei Wege zur Heilpädagog*in, das ist einerseits gut, aber gleichzeitig auch Teil des Problems. Die einen kommen – meist von der Schule – an die Uni, um Heilpädagogik zu studieren. Dann gibt es die Weiterbildung für Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen, die ich auch absolviert habe. Ich habe ja gerade beschrieben, wie anspruchsvoll das Erlernen dieses Berufs auch in der Ausbildung ist. 

Leider bildet sich das in der Entlohnung nicht ab. Heilpädagog*innen ohne Studium werden im Tarifvertrag fast genauso behandelt, als ob sie diese zweijährige Zusatzausbildung gar nicht absolviert hätten. Sie verdienen im Prinzip so viel wie Erzieher*innen „in schwieriger Tätigkeit“. 

Der einzige Bonus ist, dass sie schneller in die letzte Erfahrungsstufe kommen. Da sie mit der Ausbildung aber zwei Jahre unbezahlte Auszeit hatten und evtl. Meister-Bafög zurückzahlen dürfen, bleibt sich das gleich oder ist unterm Strich sogar ein Minus-Geschäft. Manche Arbeitgeber – auch meiner – bezahlen auch nicht-akademische Heilpädagog*innen besser, aber das gilt bei Weitem nicht für alle.

Hinzu kommt, dass für manche ausgeschriebene Stellen das Hochschulstudium zwingend notwendig ist – obwohl die Kompetenzen dafür im Sinne des lebenslangen Lernens genauso gut auch auf anderen Wegen erworben worden sein könnten. 

Das ist auch ein Grund, warum ich im Moment nebenbei und auf eigene Kosten Soziale Arbeit an einer privaten Fernhochschule studiere. Mit dem Abschluss erweitern sich meine Möglichkeiten wieder. Und so geht es vielen: Persönliche Motivation ist eines, aber wenn ich eine Weiterbildung nach der anderen mache und sich das finanziell nicht niederschlägt, dann hört man auf. 

Man muss die Leute motivieren, dass sich die Weiterbildung lohnt, indem sie hinterher in höhere Tarifgruppen kommen können. Meiner Meinung nach kann es nicht politisches Ziel sein, dass nur deswegen – um irgendwie an ein faires Gehalt zu kommen – alle studieren oder in Leitungsfunktionen gehen. Gerade die Arbeit mit den Kindern ist doch das Schöne an unserem Beruf und auch so wichtig!

ver.di: Ich höre die Leidenschaft von jemandem, der seinen Beruf sehr liebt …

Alexander Schleißinger-Schiller: Das tue ich in der Tat (lacht). Und das ist mir auch ein Anliegen: Wir müssen für diesen Beruf werben, um ihn für neue Leute attraktiv zu machen. Bisher ist die öffentliche Wahrnehmung sehr auf die Schwierigkeiten ausgerichtet. 

Dabei lerne ich durch das Umfeld der Kinder sehr unterschiedliche Lebenswelten kennen und erfahre, wie andere Menschen die Welt sehen – was mir hilft, meine eigene Perspektive immer wieder zu überprüfen. 

ver.di: Das waren sehr interessante Einblicke! Wir haben, glaube ich, gelernt, wie wichtig dieser Beruf für einzelne Kinder ist, die durch die richtige Förderung noch mal ganz andere Chancen für ihr weiteres Leben erhalten. Danke, Alexander, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

Hier geht es weiter, wenn du auch im Bereich Sozial- und Erziehungsdienste arbeitest und deine Arbeitsbedingungen verbessern möchtest.

Das Gespräch für ver.di führte Nadine Landeck. Alle Bilder in diesem Porträt sind von Kerstin Müller, Ausnahme: Das Theater-Bild stammt aus dem Fundus des Porträtierten

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