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„Wir für Tarif“ lautet das gemeinsame Motto der Tarifbewegung im Bereich der privaten Banken und der öffentlichen Banken.* Beide Tarifrunden starteten im Sommer 2021 und begannen eher zäh und herausfordernd für die ver.di-Verhandlungskommission. Doch was ist der aktuelle Stand der Verhandlungen zur Jahreswende? Dazu haben wir mit dem ver.di-Verhandlungsführer und Fachgruppenleiter Bankgewerbe Jan Duscheck gesprochen. 

Banken im Wandel, Beschäftigte unter Druck
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Vorab ein Blick auf die Situation: Die rund 150.000 Beschäftigten in den knapp über 80 deutschen Privatbanken und die rund 60.000 Beschäftigten in den knapp 60 öffentlichen Instituten sehen sich enormen strukturellen Umbrüchen gegenüber. Anhaltende Niedrigzinsen, zunehmende Regulierungen und die Digitalisierung stellen die Branche vor große Herausforderungen. Die damit verbundenen Veränderungen werden oft einseitig auf die Beschäftigten abgewälzt. Steigende Arbeitsplatzunsicherheit, zunehmender Vertriebsdruck und wachsende psychische Belastungen sind nur einige Punkte, mit denen Bankbeschäftigte aktuell zu kämpfen haben. Hinzu kommt, dass sie oft auf den Kosten für Energie und Ausstattung im Homeoffice sitzen bleiben.

Arbeitgeber öffentliche Banken: Wolf im Schafspelz
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ver.di: Jan, lass uns mit der Tarifrunde öffentliche Banken beginnen. Dort startet ihr am 20. Januar in die 5. Verhandlungsrunde. Der VÖB hat sich zu Beginn und auch während der Tarifrunde so einige Mühe gegeben, öffentlichkeitswirksam gute Stimmung zu verbreiten (z.B. mit Kaffee und Croissants zum Verhandlungsauftakt). Wie viel konntet ihr davon am Verhandlungstisch noch spüren?

Jan Duschek: Der VÖB hat sich viel Mühe gegeben, sich auch nach außen hin als konstruktiver und zugewandter Arbeitgeberverband zu positionieren, der die Verhandlungen ganz anders gestalten möchte als in der Vergangenheit. Am Verhandlungstisch merkt man schon, wenn es ans Eingemachte geht. Also immer, wenn es um materielle Fragen geht, dann kippt die Fassade weg und man ist wieder bei den schwierigen Aushandlungsprozessen, die wir schon kennen. Ohne die vielen Aktionen und Streiks der Beschäftigten der öffentlichen Banken wären wir da auch keinen Millimeter weitergekommen.

Insgesamt würde ich die Außendarstellung des VÖB als reine PR abtun. Wenngleich wir sehen, dass sie tarifpolitisch mehr gestalten wollen als der Arbeitgeberverband private Banken. Trotzdem sind es harte Auseinandersetzungen!

Bänker*innen in ver.di: Nicht alle Bank-Beschäftigte scheffeln Boni
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ver.di:  Nach der letzten Verhandlungsrunde lag dann ein Angebot auf dem Tisch, allerdings liegen der VÖB und ver.di beim Thema Gehalt immer noch weit auseinander. Aber ich stelle jetzt mal eine ganz doofe Frage für uns Beschäftigte außerhalb der Bankenbranche: Warum fordern Bankangestellte überhaupt mehr Geld? Die verdienen doch gut.

Jan Duschek: Es geht nicht nur um mehr Geld in dieser Tarifrunde. Es gibt den Dreiklang: mehr Geld, mehr Entlastung und das Thema mobiles Arbeiten. Ich weiß: Das Berufsbild ist immer noch sehr stark geprägt von Investmentbankern, Gehaltsexzessen, die es zum Teil in der Branche gibt, und durch Vorstände, die exorbitante Gehälter beziehen. Doch diese machen nicht den Großteil der Beschäftigten aus. 

Diejenigen, die bei uns organisiert sind, sind aber meist ganz normale Filialbeschäftigte, Beschäftigte in den Infrastrukturbereichen oder auch Beschäftigte in Servicegesellschaften, die für die Banken unterstützende Tätigkeiten leisten. Da gibt es Mitglieder, die tatsächlich nur knapp über dem Mindestlohn verdienen. Insgesamt sind es in der Branche meist gute Facharbeiter*innengehälter, aber eben keine Spitzengehälter.

ver.di-Forderungen: Gehaltssteigerungen vs. Entlastung

ver.di: Was sind die konkreten Knackpunkte, die ihr mitnehmt in die fünfte Verhandlungsrunde mit dem VÖB, die dringend einer Lösung bedürfen?

Jan Duschek / Foto: Kay Herrschelmann

Jan Duschek: Was die Gehälter betrifft, fordern wir eine vernünftige Gehaltsentwicklung, denn die lag in den letzten Jahren oft unterhalb der Tarifsteigerungen, die wir in Deutschland in anderen Branchen gesehen haben.

Aber auch das gerade genannte Thema Entlastung beschäftigt uns stark. Wir erleben, dass Filialen geschlossen werden und Beschäftigte durch Abbauprogramme die Bank verlassen. Das führt zu einer starken Arbeitsverdichtung, weil weniger Beschäftigte bedeutet ja nicht, dass die Kund*innen und die Arbeit weniger werden. Deshalb spielt das Thema Entlastung für manche Beschäftigte eine größere Rolle als eine Gehaltssteigerung. Wir fordern daher die Wahlfreiheit zwischen Gehaltssteigerung und Entlastung.

Und mobiles Arbeiten spielt in dieser Branche eine besondere Rolle. Die Pandemie hat den Anstoß gegeben und wir haben eine große Diskussion in dieser Branche darum, wie die Arbeitswelt nach Corona aussehen wird. Es zeichnet sich ab, dass die Beschäftigten 40 bis 60 Prozent ihrer Arbeitszeit auch zukünftig von zu Hause aus arbeiten wollen. Deshalb fordern wir auch, dass Beschäftigte einen Anspruch auf bis zu 60 Prozent mobiles Arbeiten haben sollen.

Öffentliche Banken: Der Ball liegt auf der Arbeitgeber-Seite
Foto Kay.Herschelmann

ver.di: Wie schätzt du den weiteren Verlauf dieser Tarifrunde ein? Was erwartet ihr vom VÖB?

Jan Duschek: Es ist erkennbar, dass der VÖB alle Forderungen aufgreift und sich dazu verhält – was erst einmal positiv ist. Das ist natürlich dem Engagement unserer vielen tausend Mitgliedern zu verdanken. 

Wir sind in Verhandlung zum mobilen Arbeiten und wie das ausgestaltet werden kann. Wir sind auch in Verhandlung zum Thema Gehalt und Entlastung. Es gibt eine ehrliche Verhandlungsbereitschaft zu den Themen. Allerdings liegen wir bei den materiellen Fragen noch extrem weit auseinander. 

Das, was der Arbeitgeberverband da angeboten hat, ist weniger als 1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Wir fordern 4,5 Prozent und wir haben eine Inflation von 5 Prozent, die uns im Nacken sitzt. Deshalb muss sich der VÖB in diesem Punkt noch substanziell bewegen, sonst werden wir da nicht vorankommen. Der Ball liegt klar bei der Arbeitgeberseite! Unsere Erwartung ist, dass sie ihr Verhandlungsangebot noch entschieden verbessern, sonst kommen wir nicht zusammen.

Private Banken: Abbruch der Tarifverhandlungen in 2021
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ver.di: Nun zur Tarifrunde private Banken: Die Verhandlungen mit dem Arbeitgeberverband private Banken (AGVBanken) sind ja leider ins Stocken geraten. Die vierte Verhandlungsrunde wurde sogar abgesagt, da es von der Arbeitgeberseite kein Signal gab, das bisherige Angebot nachzubessern. Steht ihr noch oder wieder in Kontakt mit dem Arbeitgeberverband? Wie geht es weiter?

Jan Duschek: Wir haben im Dezember Gespräche auf Geschäftsstellenebene geführt und es sieht sehr danach aus, dass wir das gegenseitige Zutrauen haben, dass sich ein vierter Verhandlungstermin lohnen könnte. Das bedeutet nicht, dass es bereits einen Verhandlungsdurchbruch gab. Es gibt jedoch erste Signale der Arbeitgeberseite, sich bewegen zu wollen, damit wir die Verhandlungen wieder aufnehmen können. Wir haben uns nun für den 17. Januar zu einer neuen vierten Verhandlungsrunde verabredet. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass dies der finale Verhandlungstermin sein wird. Wir müssen nun sehen, wie weit die Arbeitgeberseite bereit ist, Zugeständnisse zu machen. 

ver.di: Ihr habt das Angebot des AGVBanken zurückgewiesen, da die angebotenen Gehaltssteigerungen einen enormen Reallohnverlust bedeutet hätten. Gibt es da noch Spielraum? Wie sieht es bei den anderen Forderungen aus?

Jan Duschek: In der dritten Verhandlungsrunde haben wir den Verhandlungstisch verlassen, weil auch hier die Arbeitgeberseite ein Angebot gemacht hat, auf dessen Grundlage wir unmöglich weiterverhandeln konnten. Das bewegte sich auch nah an einem Prozent und zu den anderen Themen, wie Entlastung und mobiles Arbeiten, kam gar nichts. Wir haben jetzt erste Signale erhalten, dass es eine Verhandlungsbereitschaft gibt, die über das bisherige Angebot hinausgeht. 

ver.di: Der AGVBanken lehnt auch einen möglichen Anspruch auf mobiles Arbeiten ab. Wie begründet er das? 

Jan Duschek: Der Arbeitgeberverband betrachtet mobiles Arbeiten als rein betriebliches Thema. Hier sagen wir aber, dass keine Lohnkonkurrenz auf diesem Wege stattfinden darf. Es muss für die Branche einheitliche Spielregeln geben, wenn es um einen Anspruch auf mobiles Arbeiten und Fragen der finanziellen Unterstützung geht. 

Tarifverhandlungen im Corona-Modus: Streiken im Home Office
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ver.di: Kommen wir zur Mobilisierung innerhalb der beiden Tarifrunden. Wie zufrieden seid ihr diesmal mit dem Engagement der Beschäftigten? Gab und gibt es da Unterschiede bei den jeweiligen Tarifrunden? 

Jan Duschek: Wir merken, dass sich in dieser Branche etwas tut, weil der Druck auf die Beschäftigten steigt. Wir sehen, dass immer mehr Beschäftigte bereit sind, sich im Rahmen von Tarifrunden zu engagieren. Das merken wir in beiden Tarifbereichen. Das ist natürlich sehr positiv! Auf der anderen Seite stehen wir Pandemie-bedingt vor der Herausforderung, die Kolleg*innen im Homeoffice zu erreichen und tatsächlich Streiks im Homeoffice zu organisieren. 

Bessere Arbeitsbedingungen = bessere Beratung für die Kund*innen
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ver.di: In der Tat ist das in der Pandemie ein Problem für gewerkschaftliche Arbeit in vielen Berufen. Aber noch mal zurück zu den Banken: Der Stellenabbau und die Arbeitsverdichtung betrifft die gesamte Branche. Welche Auswirkungen hat diese aktuelle Entwicklung auf die Kund*innen?

Jan Duschek: Das äußert sich sehr unterschiedlich, je nachdem wie die Banken damit umgehen. Es gibt Symptome von: „Ich habe keine*n persönliche*n Berater*in mehr vor Ort.“ Für mich sind Bankgeschäfte auch Vertrauensgeschäfte. Ich denke, vielen von uns geht es doch so: „Ich bin bei meiner Hausbank, weil ich da meine Vertrauensbasis und meine*n Berater*in habe, die*der mich kennt und ich bei einem finanziellen Anliegen nicht immer alles von vorn erzählen muss.“ Das sind manchmal auch private Sachen wie Geldsorgen oder ein Trauerfall, die man nicht zehnmal immer wechselnden Personen erzählen will.

Viele Kund*innen merken, dass sich dieser Beratungskontakt verändert und anonymer wird. Auch der Weg in die Filialen für ein persönliches Gespräch wird komplizierter. Das liegt daran, dass Filialen geschlossen werden und häufig erst einmal auf die Online-Beratung verwiesen wird. Die Kund*innen spüren den Arbeitsdruck der Berater*innen, wenn sie in der Filiale anrufen und ihr teils dringendes Anliegen erst in einem späteren Rückruf geklärt werden kann. 

Viele Menschen merken schon, wenn sie mal Kontakt zu ihrer Bank aufnehmen wollen, dass sich Beratung nicht zum Positiven entwickelt hat. Und zwar nicht, weil die Kolleg*innen unengagierter sind, sondern weil sich die Bedingungen insgesamt verschlechtern.

2022: Zurück an den Verhandlungstisch – aber mit vernünftigen Angeboten!
Foto: Kay Herrschelmann

ver.di: Diese Entwicklung ist tatsächlich bei den Kund*innen angekommen, durch Corona waren die Schlangen an den wenigen geöffneten Schaltern noch länger.

Aber noch mal zusammengefasst: Was ist im Rückblick aufs letzte Jahr dein Zwischenfazit zu den Tarifrunden?

Jan Duschek: Die Arbeitgeberverbände sind sicherlich gut beraten, sich jetzt im Januar in aller Ernsthaftigkeit an den Verhandlungstisch mit uns zu setzen. Wir sind zu Verhandlungen bereit und Verhandeln bedeutet auch, miteinander nach guten Kompromissen zu suchen. Es müssen aber Kompromisse sein, die für beide Seiten vertretbar sind. Das, was bisher von den Arbeitgeberverbänden eingebracht wurde, ist eindeutig zu wenig. 

ver.di: Blicken wir nach vorne. Stichwort Tarifrunde Postbank AG.

Jan Duschek: Die Verhandlungen in der Tarifrunde Postbank Klassik und Filialvertrieb fangen jetzt gerade an. ver.di fordert u.a. eine Erhöhung der Gehälter um sechs Prozent (aber mindestens um 180 Euro), eine Erhöhung der Ausbildungsvergütung um 150 Euro und die unbefristete Übernahme von Auszubildenden nach Abschluss der Ausbildung. Zusätzlich gibt es noch unterschiedliche Forderungen für den Postbank Klassik Bereich und den Postbank Filialvertrieb.

Aber auch bei den öffentlichen Banken geht es weiter. Um den Arbeitgebern die Entscheidung für ein wertschätzendes Angebot zu erleichtern, werden wir sie am 18. Januar noch mal daran erinnern, „was in uns steckt“ und streiken – wegen der Gesamtsituation hauptsächlich aus dem Homeoffice heraus.

ver.di: Wie sieht denn so ein bundesweiter Home-Office-Streik aus? Ich kann mir das gar nicht recht vorstellen …

Jan Duschek: Am 18. kann sich jede*r davon ein Bild machen. Wir werden den Aktionstag streamen und berichten live aus mehr als 10 Städten.

ver.di: Wir sind schon ganz gespannt! Vielen Dank, Jan, dass du dir Zeit für das ausführliche Gespräch genommen hast. Wir wünschen euch, unseren Aktiven bei den Banken wie den Verhandler*innen viel Power und Durchhaltevermögen für die anstehenden Verhandlungen in allen drei Bereichen! Toi toi toi!

Ihr seid ebenfalls bei einer Bank beschäftigt und wollt euch für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen? Hier entlang!

* Der Verband der öffentlichen Banken (VÖB) hat 2020 die Verhandlungsgemeinschaft mit dem Verband der privaten Banken (AGV) gekündigt. Die Folge: ver.di verhandelt nun mit beiden Arbeitgeberverbänden getrennt.

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