Die Tarifrunde zwischen ver.di und dem Verband der privaten Banken (AGV) hatte ihren Auftakt am 1. Juli und ging ziemlich ernüchternd und ohne Ergebnis zu Ende. Die rund 150.000 Beschäftigten in den knapp über 80 deutschen Privatbanken sehen sich erheblichen strukturellen Umbrüchen gegenüber. Die anhaltende Niedrigzinsphase, zunehmende Regulierungen und die fortschreitende Digitalisierung stellen die Branche vor große Herausforderungen.

Wir haben mit Ole Herrmann über die Stimmung und Probleme in seiner Filiale gesprochen – insbesondere auch unter den Voraussetzungen der Corona-Pandemie. Ole heißt eigentlich anders und hat uns gebeten, alles zu anonymisieren, was auf ihn zurückführt. Er befürchtet, dass sein Arbeitgeber interne Schritte gegen ihn einleiten könnte.

Private Banken: Arbeitsverdichtung und Arbeitsplatzabbau

ver.di: Hallo Ole, magst du dich kurz vorstellen? 

Ole Herrmann: Ich bin Betriebsrat bei einer privaten Bank und bin schon seit etlichen Jahren bei dieser Bank beschäftigt. Ich arbeite im Querschnitt Serviceberatung, Kasse, Kundenberatung und Vertrieb – bei uns in der Filiale machen alle alles. 

ver.di: Generell werden in der Bankenbranche stetig Stellen abgebaut und Filialen geschlossen. Wie und in welcher Weise beeinflusst das eure Arbeit? 

Ole Herrmann: Die Arbeit wird zunehmend stressiger. Man muss schon sagen, das, was früher 8 Leute gemacht haben, macht nun eine Person. Die Verdichtungen nahmen von Jahr zu Jahr zu. Immer mehr erreichen mit weniger Leuten – das war schon immer so. In der Betriebswirtschaftslehre lernst du, dass das Maximalprinzip und das Minimalprinzip nicht miteinander kombinierbar sind. Und sie versuchen es dennoch. Sie wollen die eierlegende Wollmilchsau.

Ich selbst habe acht verschiedene Abbauprogramme mit unterschiedlichen Namen kennengelernt und da sind schon immer Mitarbeiter verabschiedet worden – meist aber noch „sozialverträglich“. Doch das Abbauprogramm, das wir jetzt haben, ist eigentlich das mit Abstand schlimmste Programm, das auch noch mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit durchgeführt wird. 

Dazu kommt, dass die Zahl der Kunden in unserer Filiale enorm hoch ist, da viele Kunden der inzwischen geschlossenen Filialen zu uns kommen, weil sie telefonisch auch gar nicht mehr durchkommen. Im alltäglichen Arbeitsablauf hat man keine ruhige Minute. 

Arbeitgeber private Banken: schlechte Führung, schlechte Kommunikation

ver.di: Wie ist die Stimmung gerade bei euch in der Filiale?

Ole Herrmann: Schlecht. Du bist bei einem so großen Unternehmen eigentlich nur eine Kostenstelle. Letzten Endes zählt am Wochenende nur das, was in den Ertragsbüchern steht. Das von der Woche davor ist auch schon nicht mehr interessant. Wichtig ist nur das, was noch in der Pipeline ist und was man präsentieren kann. Dann steht man gut da. Der Druck, der dadurch entsteht und den man sich aus Angst auch selbst macht, ist ganz schön heftig. 

Dazu kommt auch noch, dass viele Führungskräfte recht schräg sind und nur auf ihren eigenen Vorteil achten. Früher war ein Filialleiter eine Vertrauensperson. Das haben wir alles gar nicht mehr. Es gibt ein paar Gute, aber die verlieren wir dann wieder schnell. Ein weiteres großes Problem ist die interne Kommunikation. Die Mitarbeiter sind oft die Letzten, die etwas erfahren. 

Machtlos als Betriebsrat: zu viel Angst unter den Kolleg*innen
Vor der Corona-Pandemie

ver.di: Als Betriebsrat bist du auch Ansprechpartner für deine Kolleg*innen. Mit welchen Problemen kommen deine Kolleg*innen zu dir?

Ole Herrmann: Da gibt es so einige Probleme, mit denen die Kolleginnen und Kollegen zu mir kommen. Wir haben viele Beschäftigte in unserer Bank, die miteinander liiert sind und da trifft jede Nachricht über den Stellenabbau doppelt hart und sie machen sich umso mehr Sorgen. 

Die Filialleiter sind auch oft ein Thema. Wenn sie zum Beispiel an der Kleidung herummosern, obwohl wir keine Kleidervorschriften haben. Stress wird auch häufig genannt, der dazu führt, dass zum Beispiel die Pausen nicht genommen werden können. 

Das größte Problem ist aber die Angst. Angst schwingt immer mehr mit. In 19 von 20 Fällen ist es so, dass die Kolleginnen und Kollegen sagen: „Ich habe es dir jetzt erzählt, aber mach nichts daraus und gibt es bitte nicht weiter.“ Verwenden darf ich es dann eben nicht, weil sie sagen: „Ich bin da 8, 9 oder 10 Stunden am Tag. Ich muss es da aushalten und das schaffe ich nicht, wenn ich dort eine schlechte oder noch schlechtere Stimmung habe.“ Außerdem haben sie auch Angst davor, dass Rückschlüsse auf sie gezogen werden könnten. Für viele Kolleginnen und Kollegen hat das Gespräch mit mir eher die Funktion, etwas loszuwerden. 

Corona-Pandemie: Schutz der Belegschaft „zu teuer“

ver.di: Wie war und ist das Arbeiten für euch in der Corona-Pandemie? Welche Maßnahmen hat eure Filiale ergriffen? Wo gab es und wo gibt es noch Nachbesserungsbedarf? 

Ole Herrmann: Ja, das war der Wahnsinn: Zum Anfang wollten sie uns kein Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen, weil es ihnen zu teuer war und weil es Allergien auslösen könne und sie als Arbeitgeber dann in der Haftung wären. Dann haben wir natürlich selbst Desinfektionsmittel gekauft, weil die Kunden das ja auch reklamiert haben. 

Das Ordnungsamt hat dann irgendwann angefangen zu kontrollieren, ob es in der Filiale Desinfektionsmittel für die Beschäftigten und die Kunden gibt. Das erste Desinfektionsmittel, das wir zur Verfügung gestellt bekommen haben, war nicht für Corona-Viren geeignet und hatte dementsprechend keine Wirkung.

Zum Glück hatten wir jedoch einen Security-Dienst. Gerade zum Monatswechsel werden die Filialen nahezu überrannt. Das kann man sich vorstellen, wie bei Asterix und Obelix bei den Römern: Alle rennen rein und wenn man das nicht versucht zu regeln, dann würde es in der Filiale zugehen wie auf einem Rockkonzert. 

Bei einer Corona-Erkrankung hing das stark von der Filialleitung ab, wie damit umgegangen wurde. Es gab auch Filialleiter, die der Meinung waren, dass man Urlaub nehmen müsse, wenn man sich die Corona-Infektion selbst zuzuschreiben hätte.

Richtig gut war, dass wir Homeoffice machen konnten. Ich hatte eigentlich die Sorge, dass sie das ihren Beschäftigten in einer Präsenzfiliale nicht gewähren würden. Negativ war dann, dass wir keinerlei Unterstützung bei der Einrichtung des Homeoffice und auch keinen technischen Support erhalten haben. Man muss aber sagen, insgesamt haben sie auch nur das gemacht, wozu sie gezwungen wurden. Sie haben uns an so einigen Stellen ganz schön im Regen stehen lassen.

„In der Corona-Pandemie fühlten wir uns bedroht“

ver.di: Wie haben sich eure Arbeitsabläufe und der Kontakt mit den Kunden durch die Pandemie verändert? Welche Situationen sind dir da gerade präsent?

Ole Herrmann: Da wir den Zutritt zur Filiale regulieren mussten, haben sich natürlich sehr lange Schlangen gebildet und das war für so einige Kundinnen und Kunden schon eine Geduldsprobe. Ich war auch positiv überrascht, wie viele Kundinnen und Kunden geduldig geblieben sind, doch leider habe ich auch eine deutlich höhere Aggressivität verspürt. Es herrschte ein großes Unverständnis, warum so viele Filialen so lange geschlossen blieben und warum wir telefonisch nicht erreichbar sind.

Generell muss ich leider sagen, dass der Respekt gegenüber Bankangestellten deutlich nachgelassen hat. Wir mussten uns schon richtig schützen, damit wir körperlich, aber vor allem psychisch keinen Schaden nehmen. 

Weniger Arbeitsplätze = weniger Kundenservice

ver.di: Wie wirkt sich die aktuelle Gesamtsituation in der Branche auf uns alle – die Kontoinhaber*innen – aus? 

Früher wurde z.B. die Eröffnung eines Girokontos noch als Kommunikationsanlass genommen, zu dem die Kunden in die Filiale kommen sollten. Jetzt sollen sie das gefälligst online selbst machen. Es gibt auch keinen persönlichen Ansprechpartner mehr. Wie genau sich das weiterentwickelt, wird man noch sehen. Aber die Tendenz geht hin zur Anonymisierung und zur Austauschbarkeit im Kundenservice. Die Zeiten der persönlichen Betreuung durch einen Berater sind vorbei. 

Aber auch der IT-Support im Homeoffice, die Beschäftigungssicherung und der Gesundheitsschutz sind wichtige Punkte. 

Generell sehe ich auf der Arbeitgeberseite keine Generosität. Da muss sich in der Denke etwas ändern, denn das hätte mit Sicherheit Vorteile, da es sich positiv auf die Motivation der Beschäftigten auswirken würde.

ver.di: Vielen Dank für das Gespräch und vor allem für deine Offenheit!

Ihr seid ebenfalls bei einer Bank beschäftigt und wollt euch für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen? Hier entlang!

One thought on “Ole Herrmann, Betriebsrat bei einer privaten Bank: „Viele Kolleginnen und Kollegen haben Angst – die schwingt immer mit.“

  • 24. August 2021 um 21:04
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    Vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag.
    Leider gibt es sehr viele Parallelen auch in unserem Betrieb. Wir sind ein reiner Backoffice Betrieb und bei uns ist kein Kundenverkehr und dennoch pochen die Teamleiter und auch Abteilungsleiter auf eine Kleiderordnung und drohen den Mitarbeitern mit einem befristeten Arbeitsvertrag mit einer Nichtübernahme.
    Durch Corona hat auch unser Arbeitgeber das mobile Arbeiten für sich entdeckt, nicht nur das er dem Bund folge leistet, nein man kann ja auch die Nebenkosten (Wasser, Strom usw.) gut halbieren und noch viel mehr einsparen.
    Ich denke mal, dass es in sehr vielen Betrieben die selben bzw. ähnlich gelagert Missstände auf zeigen können.

    Danke für den Beitrag

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